Ansprache in der Marianischen Jungfrauen-Kongregation in Schwechat (Wien)
am 14. April 1918 [1]
Marienkinder – Apostelseelen! Beide Begriffe sind unzertrennlich. Auf das Apostolat als ihren Grundgedanken ist die ganze Organisation der Marianischen Kongregationen aufgebaut. Nicht nur für die eigene Seele zu sorgen, sondern auch am Seelenheil anderer mitwirken, das ist die edle Doppelaufgabe der Marienkinder. Auf vielfache Weise wird in den Kongregationen das Apostolat ausgeübt. Lassen Sie mich heute von einer ihrer Art sprechen, von der schönsten, weil sie vor allem mit Selbstlosigkeit verbunden ist: Von der Heidenmission. Und da möchte ich Ihren Blick auf jene Völker hinlenken, die am tiefsten stehen und deshalb mehr verachtet werden: Die Afrikaner. Gerade sie verdienen unser Mitleid, da sie unter zweifacher Knechtschaft schmachten: Seelisch unter der Knechtschaft Satans und körperlich unter dem Joch grausamer Mitmenschen in harter Sklaverei.
Es ist heute nicht meine Aufgabe, Ihnen das Elend afrikanischer Völker zu schildern; aber wenn Sie in unserem Museum hier in Wien die abscheulichen Zerrbilder von Götzen sehen würden, in denen die Heiden den Teufel verehren! Wenn Sie hören, wie es bei den heidnischen Afrikaner Sitte ist, kranke Sklaven und alte Eltern einfach in den Busch zu verstossen, wo sie verhungern oder den wilden Tieren zum Raub fallen! Wo neugeborene Kinder lebendig begraben oder den wilden Ameisen zum Frass hingeworfen werden, so können Sie sich einen Begriff machen, wie tief diese Völker unter Satans Fluch liegen. Und erst die afrikanische Sklaverei!
Verehrte Sodalinnen, besonders ans Herz greifen muss uns die Sklaverei der afrikanischen Frauen und Mädchen, die vor Gott unsere Schwestern sind. Dort ist die Frau die geborene Sklavin des Mannes. Kaum geboren wird das Mädchen wie ein Stück Vieh oder wie eine leblose Ware verkauft, verschachert. Es wird einem Mann zur Ehe versprochen für Geld, Salz, Stoffe, Ziegen, Kühe u.a. Häufig stellt der habgierige Vater es mehreren Bewerbern in Aussicht und gibt es dann dem Meistbietenden. Mit 7 bis 10 Jahren muss das Mädchen auch gegen seinen Willen dem zukünftigen Gatten oder Gebieter wie als Sklavin folgen. Weigerung wird grausam bestraft. So schnitt zum Beispiel ein Polygame einem Mädchen, das ihn verschmähte, Nase, Lippen und Ohren ab. Während der Mann faulenzt, muss die Frau bis zur Erschöpfung arbeiten. Seiner Willkür, Habgier und Sinnlichkeit ist sie recht- und schutzlos preisgegeben. Kurz, der Mann ist Herr über Leben und Tod der Frau. Ist sie krank, so kümmert sich niemand um sie. Stirbt der Gebieter, wird sie getötet oder lebendig begraben, um ihm auch im anderen Leben zu dienen. Das ist das Schicksal von Millionen schwarzer Frauen und Mädchen – eine schmachvolle Sklaverei in dunkler Verzweiflung. Ohne den Trost des christlichen Glaubens siechen sie dahin dem Leibe und der Seele nach, obwohl auch in ihnen ein fühlendes Herz voll Sehnsucht nach Glück schlägt.
Liebe Marienkinder, Sie haben den wahren Glauben und leben in Ihrem Vaterhaus – in einem christlichen Vaterland. Denken Sie nur einen Augenblick an das Schicksal dieser Menschen. So muss Ihr Herz entbrennen in Mitleid und es wird beteuern: „Mein Gott, zum Dank für das mir geschenkte Glück des wahren Glaubens und all die herausragenden Güter des Christentums will ich meinen ärmsten, schwarzen Schwestern zu Hilfe kommen!“ Sind aber diese Völker fähig, das Christentum zu erfassen? Das fragen sich viele Christen. Verehrte Sodalinnen, die Briefe der Missionare im „Echo aus Afrika“ bringt Sie zum Staunen, wie tief diese Völker nach ihrer Bekehrung den Geist des Christentums zu verstehen wissen. Wie sie förmlich nach der Wahrheit dürsten und welche Lilien jungfräulicher Schönheit mitten im Sumpf der heidnischen Laster erblühen. In den schwarzen Märtyrern von Uganda strahlt uns die Tapferkeit des Neuchristentums, wie wir es von den ersten christlichen Zeiten kennen, entgegen. Um ihres Glaubens willen lassen sie sich in Reisigbündel einbinden und an den Füssen anzünden. Unter den Qualen des langsamen Feuertodes preisen sie Gott, den Herrn. Und die jüngsten Pagen des Königs, drei zarte Knaben, die man verschonen will, rufen klagend: „Wo sind unsere Bündel? Auch wir wollen für den Glauben sterben, verschont uns nicht!“ Immer wieder wissen Missionare von Kindern zu erzählen, die unter den Drohungen und Misshandlungen ihrer heidnischen Verwandten mutig den christlichen Glauben bekennen. Oder sie berichten von schwarzen Ordensschwestern, die den Abscheu vor Kranken in heroischer Weise überwinden und Aussätzige mit halbverfaulten Gliedern pflegen, deren Geruch ein Europäer kaum aushält. Zahllose weitere Beispiele beweisen, wie sehr auch die afrikanische Seele für das Christentum reif ist und wie sehr diese nicht nur unser Mitleid, sondern auch unsere Hilfe brauchen. Um den Afrikanern diese Hilfe zu bieten, wurden seit Mitte des vorigen Jahrhunderts viele Missionsgesellschaften gegründet, die ihre Mitglieder nach Afrika entsenden. Unter grössten Schwierigkeiten streuen sie dort den Samen des Gotteswortes aus. Das grösste ihrer segensreichen Tätigkeit, das sie allein mit Hilfe ihrer Glaubensbrüder in Europa meistern, bleibt der Mangel an materieller Unterstützung. Doch die göttliche Vorsehung, die alles weise ordnet, sorgte auch da. Sie hatte eine Hofdame der Grossherzogin von Toscana in Salzburg, Gräfin Ledόchowska, zum Werkzeug seines Erbarmens gegen die heidnische Völker auserwählt. Von Gottes Gnaden geführt, kam es durch sie zur Gründung der St. – Petrus-Claver-Sodalität. Im April nächsten Jahres kann diese das Jubiläum ihres 25-jährigen Bestehens feiern. Diese Sodalität ist eine Hilfsgesellschaft der afrikanischen Missionen. Ihr Zweck ist die Ausbreitung des Reiches Gottes in Afrika und das Heil der Seelen. Ihr Charisma liegt in der Beschaffung von Hilfsmitteln für die in Afrika wirkenden Missionsgesellschaften, ohne die es nun einmal keine Missionstätigkeit gibt. Das wichtigste Mittel, die afrikanischen Missionen wirksam zu unterstützen, besteht in einer kräftigen Propaganda durch Wort und Schrift. Dadurch werden Interesse und Verständnis geweckt und genährt. Die Tätigkeit der Missionare einerseits und ihre Bedürfnisse anderseits werden so allgemein bekannt. Katholiken in ihrer eigenen Heimat sind eingeladen, für diese Missionen zu beten, sie durch Spenden zu unterstützen und Missionsberufungen zu fördern.
Zur schriftlichen Werbung der Sodalität gehört primär die Verbreitung ihrer Missionsschriften, Broschüren und Infoblätter. In 8 Sprachen erscheinen ihre Monatsschriften „Echo aus Afrika“ und das „Das Negerkind“, das besonders für die Jugend geeignet ist. Das „Echo aus Afrika“ soll – wie der Name sagt – ein Widerhall der Freuden und Leiden der Missionare, ihrer Hingabe und Erfolge sein. Das heisst, eine Welt der Arbeiten und Mühen, der Liebe und Entsagung, des Idealismus. Auch ein tiefes Glaubensleben mit den afrikanischen Neuchristen kommt in diesen Blättern zum Ausdruck. Sie können uns zur geistigen und materiellen Anteilnahme am Werk Gottes animieren. Darum, verehrte Sodalinnen, lade ich Sie recht herzlich ein, das
„Echo“ selbst zu abonnieren und unter Ihren Bekannten zu verbreiten. Der jährliche Abonnementspreis beträgt Krone 1.50. Ihr Abonnement wird somit dreifach verdienstvoll: Sie unterstützen die Missionen, fördern
die gute Presse, und beides zusammen belebt Ihre Seele. „Das Negerkind“ kostet im jährlichen Abonnement Krone 1 und unser illustriertes Monatsblatt „Katholische Missionspropaganda“ beim Bezug von 10 Abonnements Kronen 3.50. Bei Abgabe von weniger als 10 Abonnenten wäre das Porto höher als das Abonnement selbst. Bei gutem Willen ist dieser Schritt nicht schwer.
Liebe Kongregationistinnen, wüssten Sie, welch bedeutsames Werk wir durch die Verbreitung der Missionsschriften ausüben. Ein Missionar sagte: „Wenn die nötigen Geldmittel da wären, könnte Afrika in 50 Jahren katholisch sein.“ Woher kommt es, dass die Missionsspenden bei uns Katholiken gering sind, während Gläubige anderer Konfessionen sie reichlich aufbringen? Der Grund liegt darin, dass bei uns die Missionsschriften viel zuwenig verbreitet sind und deshalb viele Katholiken gar nichts von den Missionen wissen. Da hört man die Frage: „Gibt es heute wirklich noch Heiden?“ Wenn Sie Missionsschriften verbreiten, helfen Sie jenen Tag beschleunigen, an dem „ein Hirt und eine Herde sein wird“ (vgl. Joh 10,16).
Die mündliche Werbung der Sodalität für die Missionen besteht in der Veranstaltung von Missionsvorträgen. Sie bietet auch Lichtbilder-Vorführungen an, sowie Ausstellungen, Wohltätigkeitsbasare, Theateraufführungen u.a. All dies soll das Interesse für die Missionen wecken und fördern. Was die typische Organisation der Sodalität betrifft, stellen Sie sich vielleicht die Frage: „Wer besorgt eigentlich die schriftliche und mündliche Animation?“ Die Sodalität, diese Werbegesellschaft der afrikanischen Missionen, besteht aus mehreren Gruppen von Mitgliedern. Ihren Kern bildet ein religiöses weibliches Institut von Internen Mitgliedern, dem auch Laien angegliedert sind. Die Internen Mitglieder sind Ordensfrauen mit Gelübden und nennen sich Hilfsmissionarinnen für Afrika oder Sodalinnen des hl. Petrus Claver, da dieser grosse Negerapostel der Schutzpatron der Sodalität ist. Sie sehen die Hilfsarbeit für Afrika als Lebensaufgabe und wohnen deshalb in den Zentralen und Filialen der Sodalität. Die Zentralen befinden sich in Rom und Salzburg; Filialen bestehen in allen grösseren Städten Österreichs, Deutschlands, der Schweiz, Italiens, Frankreichs und Amerikas. Die Sodalinnen üben primär die Animation aus. Ihr Leben ist Arbeit und Askese für die Afrikaner; ein Leben aus dem Glauben, denn sie sehen die Früchte ihrer Tätigkeit nicht. Es ist auch ein Leben in reiner Freude und Frieden, geprägt von Dankbarkeit gegen Gott und ihres Wahlspruches: „Unter allen göttlichen Dingen das Göttlichste ist, mit Gott zusammen zum Heil der Seelen zu wirken.“ [2] Es ist das Ideal christlicher Nächstenliebe, das gerade in der Sodalität sich trefflich abzeichnet: Sich in der Arbeit für jene hinzugeben, die wir nicht kennen, nie sehen werden, ja, nicht einmal direkt für sie arbeiten, sondern ausschliesslich durch Unterstützung fremder Missionsgesellschaften ihnen zu Hilfe kommen. Darin besteht der spezifische Beruf der Hilfsmissionarinnen: Missionarin sein ohne selbst auf dem Missionsfeld Afrikas tätig zu sein. Sie wissen, dass nicht alle in die Missionen ziehen können und ihr Verzicht ebenso notwendig ist, um für die Missionstätigkeit vor Ort durch die Beschaffung nötiger Mittel dauernd zu sorgen. Die Sodalinnen freuen sich, hierin der Gottesmutter ähnlich zu sein, die wohl „Königin der Apostel“ genannt wird und doch nicht in die Heidenländer zog, sondern in Abgeschiedenheit für die Apostel, als erste Missionare, gebetet und gearbeitet hat.
Ist es nicht etwas Grosses, durch seine Arbeiten zum Unterhalt der Missionare – der Apostel der Neuzeit – beitragen zu dürfen? Heisst das nicht sogar, Priester, die Spender der Sakramente, zu den Heidenvölkern senden? Die Arbeiten der Sodalinnen sind vor allem schriftlicher Natur. Sie redigieren und drucken Zeitschriften, übersetzen Missionsberichte und Briefe, verfassen Artikel und Aufsätze, korrespondieren mit Missionaren aus allen Teilen Afrikas, verbuchen und verdanken die vielen einlaufenden Missionsspenden zur Weiterleitung nach Afrika. Sie besorgen Satz und Druck von Büchern in den Sprachen der Eingeborenen zuhanden der Missionare. Die Sodalinnen werden von Gehilfinnen bei ihren Arbeiten unterstützt, teilweise besorgen diese die mechanischen Arbeiten in der Setzerei. Andere Gehilfinnen arbeiten im Haus, Ökonomie oder im Stall und auf dem Feld. In Städten mit Filialen der Sodalität pflegen die Sodalinnen Public Relations; d.h. sie bemühen sich in der Öffentlichkeit um Anerkennung und Interesse ihrer missionarischen Tätigkeit, um das Publikum für die Missionen zu gewinnen. Daher sind diese Filialen mit einer Kanzlei, einem Arbeitszimmer und einem Museum ausgerüstet.
Als Hilfsmissionarinnen eignen sich Fräulein, die eine sorgfältige Erziehung und höhere Schulbildung genossen haben, Sprachkenntnisse besitzen oder geschickt sind im Rechnen. Voraussetzung ist Berufung zu einem geregelten religiösen Leben. Auch Mädchen mit einfacher Schulbildung finden in beschränkter Zahl Aufnahme.
Dem Institut mit seinen Internen Mitgliedern stehen die Externen Mitglieder, Förderer und Teilnehmer angegliedert. Diese Laien in der Welt wirken eng zusammen mit und im Sinn der Internen Mitglieder. Externe Mitglieder stellen sich zur Leitung von Filialen oder zur Mitarbeit in den Zentralen der Sodalität zur Verfügung. Die Förderer oder Förderinnen – ebenfalls Laien – verpflichten sich lediglich durch einen jährlichen Beitrag von 2 Kronen oder einer Dienstleistung für die Sodalität. Die Teilnehmer zahlen einen jährlichen Beitrag von 50 Heller. Sie alle haben Anteil an den Werken und Gebeten zahlreicher Missionare und Missionsschwestern.
Verehrte Sodalinnen, nachdem Sie heute einen Blick auf das Elend der Afrikaner geworfen, aber auch die grossartigen Erfolge des Christentums erfahren haben, sind Sie von der Notwendigkeit der Missionsunterstützung überzeugt. So werden Sie gewiss durch die St.- Petrus-Claver-Sodalität die afrikanischen Missionen unterstützen. Und wenn Sie sich als Kind Mariens am Heidenapostolat nicht nur vorübergehend durch eine Spende beteiligen wollen, so steht Ihnen frei, sich als Förderin zu engagieren und dies zugleich mit einem „Echo aus Afrika“ zu bekunden. Förderin und „Echo“-Abonnentin sein macht Sie zu einem Heidenapostel, zu einem besonderen Liebling Mariens und verhilft Ihnen, die ewigen Güter zu erwerben, die weder Rost noch Motten verzehren (vgl. Mt 6, 19-20). Wie werden Sie einmal staunen, wenn Sie in der Ewigkeit jenen Seelen in der verklärten Schönheit begegnen, denen Sie durch Ihren Einsatz zur Anschauung Gottes verholfen haben.
Maria Theresia Ledόchowska
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Februar 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.
[2] „Omnium divinorum divinissimum est cooperari Deo in salute animarum“ (Unter allen göttlichen Dingen das Göttlichste ist, mit Gott zusammen zum Heil der Seelen zu wirken.) Pseudo-Dionysius Areopagita V./VI. Jh.

