Dabei gewesen! – Zug
Ansprache von Maria Theresia Ledόchowska im Hotel “Zum Hirschen” in Zug am Schweizer Katholikentag,
– 24. August 1909 [1]
Liebe Missionsfreunde!
Gestatten Sie mir zunächst, Sie hier in unserer Missionsversammlung herzlich willkommen zu heissen. Schon an anderer Stelle sagte ich, wie sehr ich wünschte, so vielen von Ihnen einmal persönlich danken zu können für all das, was bereits für unser Missionswerk in der Schweiz geschieht. Dazu sollte mir der Katholikentag in Zug die beste Gelegenheit geben.
Ich will mit einer Geschichte aus der Zeit Napoleons beginnen. Der Kaiser hielt auf dem elyseischen Feld in Paris eine Parade ab. Da sah er unter vorbeimarschierenden Soldaten einen alten Krieger, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. Doch wollte er sich erst überzeugen, ob er sich nicht irre, zumal der Soldat noch ein „Gemeiner“ war.
Napoleon rief den Soldaten zu sich und fragte ihn, kurz und knapp nach den Schlachten, an denen er teilgenommen.
Bei Arcolo? – Der Soldat antwortete ebenso kurz: Dabei gewesen!
Bei Rivoli? – Dabei gewesen!
Bei Marcuso? – Dabei gewesen!
Bei Eilau? – Dabei gewesen!
Bei Austerlitz? – Dabei gewesen!
Das war dem Kaiser doch zu bunt, dass ein solch tapferer Soldat bloss „Gemeiner“ sei. Er rief: „Bravo, Kapitän!“ und heftete dem Soldaten das Kreuz der Ehrenlegion auf die Brust.
Nun was meinen Sie, verehrte Zuhörer? Was bei Napoleon als ein grosses Verdienst galt, wird das nicht vor unserem Herrgott noch weit mehr gelten? Singen wir nicht das alte Klagelied, dass es schon der guten Werke zu viel gibt und wir nicht überall dabei sein können. Dort dabei zu sein, wo unsere Mithilfe gefordert ist, ist ein Kennzeichen eines echten Katholiken. Dieses Beispiel wahrer Katholizität lieferte gerade der Schweizerische Katholische Volksverein durch die Aufnahme unserer Missionsversammlung in sein Programm. Beim Durchlesen des Programms werden vielleicht manche gedacht haben, was wohl eine afrikanische Missionsversammlung beim Schweizerischen Katholikentag zu suchen habe. Eine so weitliegende Angelegenheit passt ja nicht in den Rahmen.
Die Herren des Leitenden Ausschusses dachten anders. Sie wussten, dass diese Tagung in Zug nicht etwa ein katholischer Schweizertag sein soll, beschränkt nur auf die Interessen der eigenen Heimat. Vielmehr sollte es ein Schweizerischer Katholikentag sein, dessen Kern und Mittelpunkt – wie das Luzerner „Vaterland“ präzis sagte – ein Bekenntnis des Glaubens ist und der alles aufnimmt, was unsere heilige, katholische, d.h. universale Kirche angeht. Die Herren haben der Worte des Apostels gedacht: „Caritas Christi urget nos“ – die Liebe Christi drängt uns. Und diese Liebe Christi bewegt uns zur Barmherzigkeit auch über die Grenzen der eigenen Heimat hinaus. Sie treibt uns zu helfen, wo immer es Not tut und das Evangelium bis nach dem fernen Afrika zu bringen. So haben Sie, meine Herren, mir Gelegenheit gegeben – und Ihnen sei hier für Ihr Entgegenkommen herzlich gedankt – zu Ihnen einige Worte über ein Werk zu sprechen, dem ich ebenfalls wünschen würde, dass Sie einmal bei der letzten Parade vor unserem Herrgott ausrufen könnten: Dabei gewesen!
Einer Sache, die man nicht kennt, kann man nicht beitreten. Unsere St.-Petrus- Claver-Sodalität hat die Eigenart, dass viele sie dem Namen nach, aber wenige ihrem inneren Wesen und ihrer Organisation nach kennen. Für jene, denen die Sodalität noch unbekannt ist, soll das folgende Referat eine kurze Orientierung sein.
Was ist die St.-Petrus-Claver-Sodalität?
Die St.-Petrus-Claver-Sodalität ist eine Hilfsgesellschaft zur Unterstützung der afrikanischen Missionen. Mit diesem Programm ist zudem das Heil der Seelen als Aufgabe verbunden. Eine Verpflichtung, die unendlich wichtiger ist als jedes andere Geschäft auf dieser Welt, ja, wichtiger als die Eroberung des Weltalls, um die sich jetzt so viele bemühen und selbst ihr Leben dafür wagen. Denn es wird eine Zeit kommen, und sie ist vielleicht nicht mehr so fern, in der wir keine Eisenbahnen mehr brauchen, weder Autos noch Flugzeuge. So bleibt es das Wichtigste, dass wir, und durch unsere Mithilfe auch die Afrikaner, den Weg über die Welt hinaus zum Himmel finden.
Aber warum gerade Afrika? In allen Weltteilen (inklusive Europa) gibt es Missionen, die der Unterstützung bedürfen. Warum beschäftigt sich die St.-Petrus-Claver- Sodalität gerade mit Afrika?
1. Sie tut es aus einem wohlbegründeten Prinzip der Arbeitsteilung: „Qui trop embrosse, mal etreint“ – Wer zuviel wagt, erreicht wenig.
2. Sie tut es ferner aus einem Prinzip der Ausgleichung und Gerechtigkeitsliebe. Viel Märtyrerblut ist für die Bekehrung Europas, Asiens und Amerikas geflossen. Millionen wurden seit Jahrhunderten für die Glaubensverbreitung in diesen Weltteilen gespendet. Doch Afrika war viele Jahrhunderte vergessen. Erst seit den letzten fünfzig Jahren scheint die Stunde der Erlösung auch für diesen Kontinent geschlagen zu haben.
3. Endlich widmet sich die St.-Petrus-Claver-Sodalität der Unterstützung der Glaubensverkündigung in Afrika, weil die Mission in diesem Erdteil eine der Schwierigsten, der Unterstützungsbedürftigsten und vielleicht der Hoffnungsreichsten ist.
Ganze Völker sind zur Zeit in Afrika bereit, den wahren Glauben anzunehmen, sie rufen nach dem Missionar, nach Schulen, nach Kirchen und Kapellen. Aber es fehlt an Missionaren und an Geld, um diesen Bitten nachzukommen. Die Ihnen bekannten Missionare P. Maynhardt und P. Zimmermann sind im Vertrauen auf uns nach Afrika gezogen. Geschieht unsere Hilfe in genügendem Mass? Die Einnahmen des Werkes der Glaubensverbreitung und des Kindheit-Jesu-Vereins reichen bei Weitem nicht aus für die immer zunehmenden Bedürfnisse des Missionsauftrags. Dazu kommt, dass die Protestanten für ihre Heidenmissionen über bedeutend mehr Geld verfügen als wir Katholiken. Fehlt es an Geld?
Verehrte Missionsfreunde, für die Schundliteratur werden in Deutschland jährlich etwa 50 Millionen Mark ausgegeben, für Schnaps werden in Österreich-Ungarn jährlich 300 Millionen Kronen umgesetzt. Nur für den edelsten aller Zwecke, für die Rettung der Seelen, sollte das Geld so schwer zu finden sein? Dies ist die Aufgabe, die sich die St-Petrus-Claver-Sodalität gesetzt hat. Dieser will sie auf eine sehr moderne Weise nachkommen. Sie ist kein Sammelverein, aber eine Werbegesellschaft. Sie will Liebe und Begeisterung für die Missionen in das Volk, in die Studentenkreise, unter die Kinder hineintragen. Sie macht Werbung für die Missionen und weckt Interesse und Verständnis für die hohe Aufgabe der Missionare; das Geld kommt dann von selbst. Ihre Propaganda geschieht in doppelter Weise: mündlich und schriftlich.
Zur Organisation der St.-Petrus-Claver-Sodalität. Diese Organisation ist eigenartig und neu. Sie hat vor allem den Zweck, Bestand und Fortdauer dieses so wichtigen Hilfswerkes zu sichern. Den Kern der Sodalität bildet ein weibliches religiöses Institut, denn die Frauen eignen sich besonders gut für diese Werbung. Das Institut untersteht der Kongregation der Glaubensverbreitung (Propaganda Fide) in Rom. Seine Regeln wurden bereits vor sieben Jahren vom Hl. Stuhl approbiert (Decretum Laudis 8.2.1902). Das Generalathaus befindet sich in Rom, via dell`Ollmata 16, denn es ist angemessen, dass ein internationales katholisches Werk wie die Sodalität seinen Sitz in Rom, dem Zentrum der Christenheit, hat. Drei weitere Häuser befinden sich in Maria Sorg bei Salzburg, in Wien und Triest. Filialen, meist von Externen Mitgliedern geleitet, befinden sich u.a. in München, Breslau, Innsbruck, Zug. Die Mitglieder des Institutes werden in ihrer Tätigkeit von externen Mitgliedern und Förderern in den Filialen unterstützt. Die Externen sind für die Interessen der Sodalität, bzw. die afrikanischen Missionen tätig, soweit es ihnen ihre Standespflichten erlauben; sie widmen sich ganz ihren Zwecken durch Leitung von Filialen. Unser Hl. Vater Pius X. ist – ich darf es wohl sagen – ein besonderer Freund und Gönner der Sodalität. Noch als Patriarch schrieb er mir einen Brief, lud mich ein, ihn in Venedig zu besuchen, um ihm die Sodalität näher zu erklären und führte dann das Werk in seiner Diözese ein. Als Papst hat er nicht aufgehört, dem Werk und meiner Wenigkeit besondere Beweise seines Wohlwollens zu geben. In einem Erlass, das er vor 5 Jahren an die St.-Petrus-Claver-Sodalität richtete, sagt er unter anderem, er nähre „die sichere Hoffnung, dass, wenn die Zahl der Sodalinnen und der Eifer der Gläubigen zugenommen habe, die Sodalität sich unter allen Nationen und Völkern zum Besten der Afrikaner verbreiten werde“.
Wenn nun der Hl. Vater, der doch gewiss am besten von uns allen die grossen Bedürfnisse der Kirche überschaut, der Sodalität eine solche Verbreitung wünscht, sollte nicht jeder Katholik da beitreten wollen im Sinne von „Dabei gewesen“? Ist es daher zu viel verlangt, liebe Freunde, Sie dringend zu bitten, die Zwecke der Sodalität zu unterstützen? Was ich Ihnen heute vorschlagen möchte ist jedenfalls leichter, als wenn Sie in der Schlacht von Marcuso oder Austerlitz mitkämpfen würden. Sie haben gehört, dass der St.-Petrus-Claver-Sodalität vordringlichstes Ziel ist, die Liebe und Begeisterung für die Missionen im Volk, vor allem unter der Jugend, zu wecken. Bestes Mittel dazu ist die Verbreitung der Missionslektüre. Nehmen Sie Abonnementen auf für unser „Echo aus Afrika“ oder für die „Kleine Afrika-Bibliothek“. Lesen Sie es und geben Sie es weiter. Gute Vorsätze, die man immer vor sich herschiebt wie einen Karren, dem der Zugesel fehlt, bringen nichts. Am besten führen Sie Ihren guten Vorsatz, den Sie jetzt gefasst haben, gleich aus. „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen.“ Der Morgen gehört vielleicht gar nicht mehr uns und Sie möchten doch „Dabei gewesen“ sein.
Lesen Sie diesen Vortrag und geben Sie ihn weiter. So tragen auch Sie zur Förderung und Ausbreitung unseres Missionswerkes in Ihrem Vaterland bei und fördern somit das Reich Gottes in Afrika.
„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe!“ Wessen Brot essen wir denn alle zusammen? Kein anderes als das der heiligen katholischen Kirche. Sie gab uns das Leben in der heiligen Taufe, sie erhält dieses Leben in der heiligen Eucharistie. Da nun aber unsere Kirche einen doppelten Zweck hat, nämlich den Glauben zu erhalten und den Glauben zu verbreiten, helfen wir durch unseren Einsatz am Werk der inländischen Mission. Dabei aber lassen wir auch nicht die Unterstützung der afrikanischen Missionen fallen. Falls Sie schon dem Werk der Glaubensverbreitung und dem Kindheit-Jesu-Verein angehören, bleibt Ihnen noch eine weit offene Tür für diesen armen Kontinent durch den Beitritt zur St.-Petrus-Claver-Sodalität. Dann werden einst alle, gleich dem Soldat Napoleons, Gott entgegenrufen können:
Bei der inländischen Mission? – Dabei!
Beim Peterspfennig? – Dabei!
Beim Kirchenbauverein? – Dabei!
Bei der Abstinentenliga? – Dabei!
Beim Werk der Glaubensverbreitung? – Dabei!
Beim Kindheit-Jesu-Verein? – Dabei!
Bei der St.-Petrus-Claver-Sodalität? – Dabei!
Das „Echo aus Afrika“ abonniert? – Dabei!
Natürlich. Dabei gewesen!
Und Sie werden die Worte hören: Bravo, Du getreuer Diener, Du getreue Dienerin! Empfange das Ehrenzeichen der himmlischen Heere. Gehe ein in die Freuden Deines Herrn.
Ich habe gesprochen.
Maria Theresia Ledόchowska
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Januar 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.

