Die entscheidende Begegnung

August 1889, Axenstein

Viele grosse Dinge dieser Welt entstehen aus kleinen, unscheinbaren Anfängen. Bei Maria Theresia Ledóchowska war es nicht anders. Als ihr Negersklavendrama „Zaida“ gedruckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht war, begann Maria Theresia Artikel und Flugblätter herzustellen und zu verbreiten. Um Material aus erster Hand zu erhalten, setzte sie sich mit Missionaren in Verbindung. Es entwickelte sich ein reger Briefverkehr. Sie erreichte es, dass das „St.-Angela-Blatt“ jeweils ein paar Seiten für sie zu Verfügung stellte. Dann nahm alles einen raschen Lauf. Eine eigene Zeitschrift erschien bald, ein Missionsblatt, das „Echo aus Afrika“, die erste Missionszeitschrift überhaupt. Alles, was mit dem Kampf gegen die Sklaverei zu tun hatte und was ihr die Afrikamissionare mitteilten, fand im „Echo aus Afrika“ seinen Niederschlag. Als Hofdame der Gräfin von Toskana möchte Maria Theresia nicht ins Gerede der Leute kommen. Sie musste unbekannt bleiben und schrieb damals unter dem Pseudonym „Alexander Halka“. Die Grossherzogin wusste von der Tätigkeit ihrer Hofdame und war ihr wohlwollend gesinnt. Maria Theresia erhielt sogar längeren Urlaub, um ihre Arbeit intensiver betreiben zu können.

Es kam der 1. August 1889. Mit ihrer Herrin weilte Maria Theresia einige Tage in Luzern. Hier erfuhr sie, dass Kardinal Lavigerie sich in der Stadt aufhielt, um einen „Antisklavenkongress“ vorzubereiten. Auch ihr Onkel Kardinal Ledóchowski war nach Luzern gekommen. Ihn nach langen Jahren wieder zu sehen, stimmte sie sehr froh. Mit seiner Hilfe, so hoffte sie, werde es gelingen, bis zu Kardinal Lavigerie vorzudringen. Sie gingen gemeinsam zum Hotel, in die „Villa Lang“, wo Kardinal Lavigerie abgestiegen war. Dort erfuhren sie aber zu ihrem grossen Leidwesen, dass dieser bereits auf die andere Seite des Sees, in die Ortschaft Morschach bei Brunnen abgereist sei. „Zunächst meinte ich, jede Hoffnung aufgeben zu müssen, Kardinal Lavigerie persönlich begegnen zu können. Beim Spaziergang am Seeufer versuchte mein Onkel vergeblich, mich meine Enttäuschung vergessen zu lassen. Mehr als einmal habe ich jedoch im Verlauf meiner schlaflosen Nächte erleuchtende Gedanken gehabt. In der folgenden Nacht sagte ich mir plötzlich: Warum sollte ich nicht nach Brunnen gehen? … Dieser ein bisschen törichte Plan wurde gebilligt. Um zwei Uhr sollten wir uns an Bord des Schiffes zur Überfahrt treffen. Ihre Hoheiten mussten nun diesen Kurzurlaub noch bewilligen. Die Herzogin gab mir die Erlaubnis unter der Bedingung, dass ich Punkt 19 Uhr zum Dienst zurück sei. Also passierte Maria Theresia in Begleitung von Msgr. Meszczynski, dem Sekretär von Kardinal Ledóchowski, „mit militärischer Pünktlichkeit“ den Laufsteg.

Wir wollen Maria Theresia selber weiter erzählen lassen:

Es war ein schwüler Augusttag. (Wie ich später konstatieren konnte, einer der heissesten Tage des ganzen Sommers. Das Thermometer stieg im Schatten bis 30 Grad Reaumur.) Die Temperatur war eine ganz unerträgliche. Selbst die Zugluft, welche nach unserer Abfahrt durch die Bewegung des Schiffes entstand, brachte nicht die mindeste Erfrischung. Die Fahrt von Luzern nach Brunnen bietet eine Fülle der entzückendsten Landschaftsbilder. Sehr bald treten links von uns die Rigi, rechts der Pilatus und hinter diesem die schneebedeckten Gipfel der Berner Alpen immer näher an uns heran. In den See hineinragende Felszungen, mit lachenden Villen und kleinen Kapellchen gekrönt, fesseln den Blick. Hinter der Insel Alt-Staad macht mich Monsignore auf das Schloss Habsburg aufmerksam. Hier war es, wo nach der durch Schillers Ballade verherrlichten Legende der fromme Kaiser Rudolf dem Priester, der die heilige Wegzehrung zu einem Kranken trug, sein Pferd abgetreten hat. Weiterhin blicken wir nach der tiefen Einbuchtung gegen Küssnacht zu kommen dann nach Weggis, von dort nach Vitznau, beides am Fusse der Rigi gelegen. Man bemerkt dies an der Flut von Touristen, welche hier aussteigen und sich auf die bereitstehenden Waggons der Zahnradbahn stürzen, um möglichst ein besseres Plätzchen zu erhalten.

Die Fahrt auf die Rigi, wenn auch minder grossartig als auf den Pilatus, ist zwar recht schön (ich hatte sie schon einmal „dienstlich“ vor zwei Jahren gemacht), allein jetzt, bei der herrschenden, mehr als sommerlichen Temperatur, dankte ich Gott, sie nicht wiederholen zu müssen. Hätte ich gewusst, welcher Gluthitze ich mich heute noch aussetzen würde – und dies
freiwillig, aber auch zu welchem Zweck! … Nun biegt der Dampfer nach rechts und führt uns hinüber an das andere Seeufer nach Beckenried, einem hübsch gelegenen klimatischen Kurort. Unter den Passagieren, die unser Schiff aufnehmen soll, stehen zwei Priester.

An den breitkrämpigen Hüten und dem weiten Burnus, der unter ihren schwarzen Mänteln hervorlugt, erkennt sie Monsignore schon von weitem als „Weisse Väter“, Missionare Lavigeries. Als sie dann unser Schiff bestiegen, begrüsst er den einen der Patres als den ihm wohlbekannten Sekretär Kardinal Lavigeries. Ich werde den Missionaren bekannt gemacht. Die Patres setzten sich zu uns aufs Verdeck und ein Gespräch kommt in Gang.

Man denke sich meine freudige Bewegung, mich zum ersten Mal in meinem Leben in Gesellschaft „Weisser Väter“ zu befinden, mich mit ihnen über Lavigeries Werk und seine Aussichten unterhalten zu können! Die herrlichsten Landschaftsbilder ziehen fortan unbeachtet an mir vorbei.

Allein, wie bald sollte sich meine Freude in Schreck und Enttäuschung verwandeln! Die Patres erzählen, dass sich Seine Eminenz gar nicht in Brunnen aufhalte. Sie befänden sich – telegraphisch dahin berufen – auf dem Weg nach Morschach ob dem Axenstein. Msgr. M. und ich sehen uns erst bestürzt an, dann aber beschliessen wir, koste es was es wolle, dem Kardinal eben noch bis dorthin zu folgen. Freilich fragt es sich, ob die Zeit der Ausführung dieses Planes auch reicht. Der Dampfer landet um 3 Uhr 30 Minuten in Brunnen und geht von dort um 5 Uhr 10 Minuten nach Luzern ab. – Man hat also genau eine Stunde 30 Minuten Aufenthalt. Einen späteren Dampfer zur Rückkehr konnten wir aber deshalb nicht benützen, weil mich mein Dienst um sieben Uhr abends zu Table d’hôte mit den Kaiserlichen Hoheiten rief und ich um keine Welt mir hierin eine Versäumnis hätte zu Schulden kommen lassen.

Kann man also in anderthalb Stunden nach Axenstein und retour gelangen? Die Patres bezweifeln es. Nach den von ihnen eingeholten Erkundigungen geht man von Brunnen nach Axenstein eine volle Stunde. Aber per Wagen wird man es wohl rascher erreichen? – Nein, auch da bedarf man einer Stunde Zeit, weil der Fahrweg wegen der Steile der Felsen in grossen Serpentinen zum Hotel hinaufführt. Das klingt entmutigend genug! Doch vielleicht sind die guten Patres schlecht unterrichtet. Ich wende mich um Auskunft an den Kapitän selbst. Er bestätigt den Ausspruch der Missionare: Alle stimmen darin überein, dass ein Besuch in Axenstein im Zeitraum von nur anderthalb Stunden zu einem Ding der Unmöglichkeit gehöre.

Einen Augenblick fühlte ich mich von einer Art gelinder Verzweiflung erfasst. So nahe am Ziel seines heissesten Wunsches zu stehen und dieses nun wie Seifenschaum vor seinen Augen zerrinnen zu sehen … dies hätte auch das phlegmatischste Gemüt – und meines ist eben nicht solcher Art – um seinen Gleichmut gebracht.

Indessen haben wir den See überquert, legen vor Gersau, einem lieblichen Kurort, an und kommen Brunnen rasch näher. Hoch oben, am gegenüber liegenden Seeufer blickt das berühmte schlossähnliche Hotel „Seelisberg aus uns herab, links wird Schwyz in seiner malerischen Lage am Fusse zweier hoher Bergspitzen – sie werden Mythen genannt – immer deutlicher sichtbar, ebenso im Vordergrund auch Brunnen, knapp am Seeufer. Kurz vor Brunnen eröffnet sich die Aussicht nach dem herrlichsten rechts vom „Uri-Rothstock, links vom Axen eingeengten Urner See – im Hintergrund glänzen die Schneeberge – im Vordergrund erheben sich waldgekrönte Felsen, rechts die Felsensäule des Mythensteins, in der Mitte glitzert der schöne, bald dunkelgrünen Emerauden, bald tiefblauen Saphiren gleichende See – ein wunderbares, unvergleichliches Bild! Und doch, wie könnte mich in diesem Augenblick sein Anblick erfreuen? Nur ein Gedanke beschäftigt mich, nur ein Punkt dieses ganzen prächtigen Panoramas nimmt meine Blicke gefangen – Axenstein, das grosse schlossähnliche Gebäude, welches zur Rechten von Brunnen hoch oben vom steilen Sandsteinfelsen in seiner majestätischen Erhabenheit gleichsam höhnisch zu mir herabwinkt. Im Geiste berechne ich die kürzeste Frist, in der man beim Aufwand aller Kräfte da hinaufkommen könnte. Aber je mehr wir uns Brunnen nähern, umso klarer wird mir selbst die Wahrscheinlichkeit der Unausführlichkeit dieses Vorhabens.

Indes – die Sache ist eines verzweifelten Versuches wohl wert! Misslingt er und überzeuge ich mich auf halbem Weg, dass ich Axenstein in einer halben Stunde nicht erreiche, so ist es noch immer Zeit, umzukehren, um das Schiff nicht zu versäumen. Glücklicherweise widersetzt sich der gute Monsignore diesem meinem Vorhaben nicht. Im Gegenteil – trotzdem ich ihn beschwöre, mich meinem Schicksal zu überlassen – ist er bereit, den Parforcemarsch mit mir zu unternehmen. Bald wird er es indes bleiben lassen. …

Endlich sind wir in Brunnen angelangt. Wir verabschieden uns rasch von den Missionaren, die natürlich keine solche Eile haben, daher ihren Weg mit Musse zurücklegen werden. Nach einigen Nachfragen findet sich ein Führer, der – nachdem auch er von einer Wagenfahrt entschieden abrät – mir verspricht, wenn ich sehr schnell gehe, mich auf kürzestem Pfade binnen einer halben Stunde nach Axenstein hinaufzuführen. Um zwei Franken werden wir handelseins.

Der Marsch beginnt. Schon nach wenigen Augenblicken haben wir die Häuser des Ortes hinter uns gelassen. Ein steiler, steiniger Pfad führt bergan. Mein braver Schweizer schlägt ein förmliches Lauftempo ein, ich, obzwar mir vor Hitze bald das Blut in den Adern klopft und hämmert, folge auf dem Fusse nach. Ein Kieferwald nimmt uns in seine Mitte! Die Temperatur ist wohl ein wenig erträglicher, aber der Weg wird immer steiniger und steiler. Oft bin ich gezwungen, nur um dem langfüssigen Führer achzukommen, in grossen Sprüngen von einem Stein zum andern zu setzen. Der arme Monsignore hinter uns gleicht einer aufgeblühten Pfingstrose. Der Schweiss rinnt ihm von Stirn und Wangen und er keucht und pustet in einer Weise, die mir die ernstlichsten Besorgnisse einflösst. Nach kaum zehn Minuten fragt er, ob wir bald angelangt wären. Der Führer muss es lächelnd verneinen. Endlich bemerke ich mit Genugtuung, wie er immer mehr zurückbleibt. Ich setze den Galopp ohne ihn erleichtert fort.

Bisweilen befrage ich die Uhr. Der Führer beteuert wiederholt, dass wir bei solchem Laufschritt Axenstein in einer halben Stunde erreichen würden. Je mehr wir uns ihm nähern, umso glühender tobt es in meinen Adern – auf der letzten Wegstrecke meine ich wahrhaftig, vor Hitze und Müdigkeit nicht mehr vorwärts zu können. Endlich biegt unser Pfad plötzlich nach rechts und mündet in eine grosse kiesbedeckte Terrasse – es ist die Plattform des Hotels Axenstein. Wir sind am Ziel.

Ich stürme an einer bunten Schar Hotelgäste, die hier an kleinen Tischchen behaglich sitzend einer lärmende Kurmusik lauschen, vorbei, blicke auf die Uhr, um mit Befriedigung zu konstatieren, dass noch einige Minuten auf eine halbe Stunde seit unserer Landung in Brunnen fehlen, und sage dem Führer, er solle mich hier erwarten. Dann eile ich die Treppe hinauf nach Nr. 23, dem Zimmer, welches mir der Portier als Wohnung des Kardinals bezeichnet hat. Mich anmelden zu lassen, dazu ist keine Zeit. Ich klopfe an. Eine milde, melodische Stimme ruft; „Herein.“ Noch eine Sekunde – und ich stehe demjenigen gegenüber, der für mich die ideale Verkörperung des grossen Werkes ist, in dessen Diensten ich – durch Lektüre seiner herrlichen Reden dafür begeistert – meine schwache Feder gestellt: Kardinal Lavigerie. Es ist der schöne, würdige Greis mit den edlen Zügen, dem silberweissen
Bart, der imponierenden Gestalt, wie ihn ganz Europa längst aus den Photographien kennt, nur dass die Wirklichkeit sein Bild an Schönheit und Würde noch tausendmal übertrifft.

Ich hätte ihn aus Tausenden erkannt. Unwillkürlich fallen mir jetzt die Worte des Propheten ein: „Die Stimme des Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn.“ Kardinal Lavigerie trägt den Stempel des Alttestamentlichen an sich – ein Prophet des alten Bundes mag so ausgesehen haben.

Er sass vor einem mit einer Unzahl Schriften belegten Tisch. Erst sah er mich befremdet an. (Mein glühendes Antlitz konnte wohl auch Befremden erregen!) Als ich mich aber auf Seine Eminenz, den Kardinal Ledóchowski berief, erhellte ein bezauberndes Lächeln seine schönen Züge. Offenbar hatte ihm schon sein Koadjutor von dem gestrigen Vorhaben Kardinal Ledóchowskis, mich ihm vorzustellen, benachrichtigt. Ich musste neben ihm Platz nehmen und nun entspann sich ein Gespräch, das sich mir mit feurigen Lettern ins Gedächtnis geschrieben hat. Mit der ihm eigentümlichen, ganz jugendlichen Begeisterung und Wärme und voll herablassender Güte, verbreitete sich der Kardinal über sein Werk, seine Absichten und Aussichten. Darauf verlangte er von mir, dass ich ihm in gedrängter Kürze über den Stand der Bewegung in Österreich berichte. Grosse Freude schien ihm die Nachricht von der Gründung eines Afrika-Vereins in Krakau und der Begeisterung, die man dort speziell für seine Person hege, zu bereiten. Auch hat er damals, wie auch später, mir Beweise seiner besonderen Sympathie „für das edle Volk der Polen“ – wie er sie nannte – gegeben. Zum Schluss konnte ich nicht umhin, auf die nationalen Eifersüchteleien anzuspielen, die auch seinem Werk, wie so manchem anderen von Gott gewollten, hindern entgegenständen. Man wolle wohl Geld für Afrika hergeben, fürchte aber, dass es nur französischen Missionaren zukommen könnte. Bei dieser Bemerkung seufzte der Kardinal tief auf.

Sein Auge umflorte sich. „Aber es handelt sich ja um die Afrikaner und nicht um die Franzosen.“ Dies war alles, was er mit ewegter Stimme mir entgegnete.

Endlich legte ich das Drama „Zaida“ vor, bittend, dass Seine Eminenz es lesen und eine Übersetzung ins Französische veranlassen wolle. Gerne stellte dies der Kardinal in Aussicht, und umsomehr, als ja, wie er aus der Vorrede ersah, das Werk ihm gewidmet ist.

„Und wer ist Afrikanus?“ – „Eminenz, es ist eine Person, deren gesellschaftliche Stellung ihr absolut verbietet, sich zu nennen.“ – „Sie kennen dieselbe?“ – Ich zögerte und wiederholte dann noch mit mehr Nachdruck meine erste Antwort.

Seine Eminenz sah mich durchdringend an. Dieser Blick haftet mir noch jetzt in der Seele. „Wohlan, knien Sie nieder, dass ich Afrikanus segne“.

Ich tat, wie mir geheissen. Hochklopfenden Herzen empfing ich den Segen des heiligmässigen Bischofs. Hätte Afrikanus für seine bescheidene Arbeit einen schöneren Lohn erhalten können als diesen?

Nun zog ich zwei Photographien des Kardinals hervor, die ich vor der Abfahrt von Luzern in aller Eile gekauft hatte, und bat Seine Eminenz, seinen Namen darunter setzen zu wollen, – eine bestimmte ich einer hochgestellten Persönlichkeit und Verehrerin Lavigeries, die andere der Photographien sollte mir selbst ein immerwährendes Andenken an diese unvergesslichen Augenblicke sein. Bereitwillig kam der Kardinal meiner Bitte nach.

Jetzt sah ich auf die Uhr. Es war höchste Zeit aufzubrechen. Ich setzte dem Kardinal in wenigen Worten meine Eile auseinander, wie fraglich, ob der Kürze der verfügbaren Zeit, dieser Besuch gewesen ist und nur ein besonderer Beistand Gottes und meine übergrosse Sehnsucht, ihn zu sehen, das Unmögliche ermöglicht hätten.

„Aber um Gottes Willen, es hätte Sie ja der Schlag treffen können,“ bemerkte mit seinem sanften Lächeln der Kardinal.

Ehe ich schied, wollte ich mir noch einen speziellen oberhirtlichen Segen für die mir näherstehenden österreichischen Afrika-Vereine und ihre Mitglieder erbitten. Nachdem ich auch ihn kniend empfangen hatte, beauftragte mich Seine Eminenz, in seinem Namen allen zu danken, welche sein Werk fördern und zu bitten, dass man auch durch Gebet ihn eifrigst unterstützen möge. „Sagen Sie es daheim Ihren Freunden in Österreich und Polen: Dasjenige, dessen ich vor allem bei meinem Werke bedarf, ist das Gebet. Beten Sie für mich, o beten Sie eifrigst!“

Tief bewegt riss ich mich los. Im Gange begegnete ich den zwei Missionaren, die gleich mir, nur in gerade doppelt so langer Zeit von Brunnen nach Axenstein gekommen waren. Ich hatte nur Zeit, ihnen zuzurufen: „Ich habe mein Ziel erreicht.“ Und fort ging es die Treppe hinab zu meinem Führer, um in seiner Begleitung den Abstieg nach Brunnen wieder im Sturmschritt anzutreten – aber wie leichten Herzens geschah dieser Gang.

Den Berg hinunter brauchten wir ungefähr zwanzig Minuten, welche verhältnismässig lange Zeit durch den überaus schlechten, steinigen Pfad bedingt wurde. Fünf Minuten vor Ankunft des Dampfers, der uns nach Luzern nehmen sollte, traf ich mit dem guten Monsignore, der mich mit wahrhaft väterlicher Besorgnis und Ungeduld am Landungsplatz erwartete, zusammen. Mit der Miene eines Siegers nach geschlagener Schlacht, ja mit einer wahren „Alexander“-Miene schilderte ich ihm das glückliche Resultat meines Laufmarsches und die Einzelheiten meiner Unterredung mit Lavigerie. Auf der ganzen Rückfahrt von Brunnen nach Luzern schwellten Gefühle der freudigsten Art meine Brust. Vergessen waren Gluthitze und Müdigkeit und ich genoss den Anblick der feenhaften Abendlandschaft nun in einem Grade, wie ihn wahrscheinlich kein anderer Mitreisender genossen hat.

Schlag sieben Uhr erschien ich im Gefolge der Kaiserlichen Hoheiten, umgekleidet und scheinbar so ruhig, als hätte ich den Nachmittag als einfacher Tourist in der banalsten, ereignislosesten Weise der Welt zugebracht, im hell erleuchteten Speisesaal des Schweizer Hotels, um an der Table d’hôte teilzunehmen. Ob aber ein verräterischer Glanz meiner Augen nicht den Jubel meines Inneren widerspiegelte, dafür kann ich freilich nicht bürgen.“

Der Bericht über diese Begegnung schliesst mit den Worten: „Fünfeinhalb Jahre sind seitdem verflossen. Den Kardinal habe ich nie wieder gesehen. Vor zwei Jahren teilte mir ein Telegramm seinen Tod mit. Hatte mich während seines damaligen Aufenthaltes in Luzern nicht eine geheime Vorahnung dazu getrieben, ihn unter Einsatz meiner letzten Kräfte zu treffen? Schien mir nicht eine innere Stimme zu sagen: jetzt oder nie?“

Kardinal Lavigerie hatte ihr erlaubt und aufgetragen, überall Antisklavereivereine zu gründen. Seit der Begegnung im Hotel Axenstein bei Morschach war ihre Lebensrichtung endgültig entschieden. Alle Zweifel waren beseitigt, dass Gott sie berufe, ihr Leben, ihre Zeit und alle ihre Kräfte für Afrika und die armen Sklaven einzusetzen.

Die Absicht Maria Theresia Ledóchowskas versteht man, wenn man die Situation vor 90 Jahren in Afrika berücksichtigt. Ganze Landstriche wurden damals von skrupellosen Sklavenhändlern überfallen und Hunderttausende der schwarzen Bevölkerung verschleppt und unter härtesten Bedingen verkauft. Die Verschleppung nach Amerika hatte zwar gerade aufgehört; umsomehr blühte sie in den mohammedanischen Ländern.