Die Marianischen Kongregationen hinsichtlich der Heidenmissionen

Augsburg 1910 [1]

Meine verehrten Marienkinder
 
Nicht als eine Fremde, vielmehr als jene, die einst selbst einer Marianischen Kongregation angehörte und Marienkind ist und bis zuletzt bleibt, stehe ich vor Ihnen. Ich will zu meinen Mitschwestern und Mitbrüdern in Maria über das sprechen, worin ich mich mit Ihnen verstanden weiss gemäss dem Sprichwort „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“. Gemeint ist das Apostolat der Marianischen Kongregation hinsichtlich der Heidenmission. Sie wissen besser als ich, dass das Apostolat die Krönung jedes Kongregationslebens ist und daher die Unterstützung der Missionen zu ihrer vornehmsten Aufgabe gehört. So soll diese Tatsache in Ihnen bloss neu bewusst werden. Besonders möchte ich mit einem praktischen Wink an die Ausübung dieses Apostolates erinnern.
 
Das Apostolat ist die Krönung des Kongregationslebens, sagte ich. Apostolisch wirken für die Sache Jesu Christi und der Kirche ist – nebst der Selbstheiligung – das hohe Ziel der Kongregation. „Dass Du doch die Gabe Gottes erkanntest“ (Joh 4,10) wünsche ich mir oft leise angesichts der „Wasserscheu“ – auch in frommen Kreisen vor allem, was nach Kongregation und Marienkind riecht. Nicht aus einer Art „religiösem“ Egoismus, noch um ein geruhsames Leben zu führen – wie manche Eltern fürchten – wird man Marienkind. Nicht, um eine Anzahl Kongregationsandachten zu durchlaufen, sondern um nach dem Beispiel Marias sich wirksam in der eigenen und fremden Heiligung einzusetzen. So ist das Leben eines Marienkindes ein Leben der Arbeit an sich selbst und für die anderen. Von Maria lernt es, wie wichtig und segensreich der apostolische Einsatz für das Seelenheil ist. Missionseifer muss daher der Lebensatem eines eigentlichen Marienkindes sein.

Wie aber soll ein Marienkind apostolisch wirken? Die Beantwortung hängt mit meinem Thema zusammen. Genügt es für ein Marienkind, wenn es durch Standfestigkeit positiv auf seine Mitarbeiter wirkt? Oder wenn es die bestehenden religiösen, karitativen und sozialen Werke fördert, wie den Schulverein, den Universitätsverein, den Piusverein etc. – kurz gesagt – an der Erhaltung des Glaubens in der eigenen Heimat festhält? Das alles ist sehr gut und notwendig, aber es erschöpft das Apostolat der Kongregation nicht. Viele auch gute Katholiken meinen es – und das ist die Ursache der beschämenden Tatsache – dass wir Gläubige bis auf den heutigen Tag unsere Pflicht bezüglich des Apostolates zugunsten der Missionen so mangelhaft erfüllt haben. Ein wahres Marienkind denkt weiter. Im Blick auf Maria weiss es, dass seine Begeisterung für das Gute identisch ist mit dem Begriff „katholisch“ – universal und daher verpflichtet. Nur die Grenzen der Erde können dieses Bemühen stoppen.
 
„Geht hinaus in alle Welt“ (Mk 16, 15). Maria hatte nicht die Aufgabe, die Lehre des Herrn zu verkünden, das taten die Apostel. Dennoch handelte sie apostolisch und weltumfassend von der Menschwerdung Gottes an bis nach Kalvaria und von Christi Himmelfahrt bis zu ihrer eigenen Aufnahme in den Himmel. Als sie dem Engel ihr Ja sagte, dachte sie an das Heil aller Menschen, nicht bloss an Israel. Unter dem Kreuz erwartete sie die Erlösung der ganzen Welt. Mehr noch: Wie freute sich Maria, als die hl. Drei Könige, die Stammesfürsten und ersten Vertreter der Heiden, durch ihren Besuch dem göttlichen Kind so grosse Ehre erwiesen haben. Wie wird sie mit ihnen dem Herrn gedankt haben, weil er sie an seine Wiege rief, um sie zu Gläubigen und Bekennern zu formen. Maria sah in ihnen schon die Heidenvölker, die nun durch alle Zeiten und Erdteile zu Christus finden werden. So standen seit der Erscheinung des Herrn die Heiden dem Herzen Mariens besonders nahe. Und seit der greise Simeon Jesus als das „Licht zur Erleuchtung der Heiden“ (Lk 2,32) pries, regte diese Liebe erst recht zu unzähliger apostolischer Tätigkeit an. Der hl. Lukas sagt zweimal: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19,51).Wie wird Maria dieses Geheimnis der Berufung der Heiden in ihrer Seele überdacht haben? Unaufhörlich betete sie diese Offenbarung des Herrn an, dankte ihm im Namen der Heiden, flehte für sie und opferte Jesus dem Vater für sie auf. Durch Maria ging die Kunde über die Berufung der Heiden bis auf uns. Auch der Aufenthalt in Ägypten wird die Gottesmutter zur Liebe und Tat bewogen haben. Doch welcher Jammer hat sie gepackt beim Anblick des Götzendienstes, wie er sich zu Heliopolis, der Hauptstätte des Sonnendienstes und der Priesterschaft, ausbreitete. Wie wird sie sich gefreut haben, als – nach Prophetenwort – bei der Ankunft des Heilandes die Götzen Ägyptens umstürzten. Später hat sie wohl in Liebe in dieses Heidenland zurückgeblickt, in dem sie mit ihrer heiligen Familie so innige Freuden erfuhr, und den Segen des Himmels herabgerufen. Ist etwa das spätere wunderbare Aufblühen des Christentums in Ägypten, insbesondere des Klosterlebens, dem Aufenthalt der hl. Familie zu verdanken? Maria ist für ein Marienkind das edelste Vorbild des Apostolates zugunsten der Heidenmissionen. Daraus folgt die Konsequenz: Maria erfreuen heisst, die Bemühungen um die Heiden in den eigenen Zeitplan einbauen.
 
Wie aber an die Forderung herangehen? Dazu werde ich Ihnen nichts Neues sagen. In vielen Marianischen Kongregationen ist diese Frage durch Gründung eigener Missionssektionen bereits gelöst. Paramente oder Kleider werden genäht, Marken, Staniol, Münzen etc. gesammelt, um katholischen Missionen zu helfen. Doch für ein apostolisches Anliegen muss man über den Zaun der eigenen Kongregation hinausblicken, um der Welt Zeugnis eines integren Katholiken zu geben durch Beispiel und Tat, durch wache Aufmerksamkeit gegenüber der Heidenmission. Die Katholiken beachten das Missionswerk viel zu wenig. Die gebührende Aufgabe eines Kongregationsmitgliedes wäre, das Versäumte durch Verbreitung des Missionsgedankens in Wort und Schrift auszubreiten. Hunderttausende von katholischen Männern und Frauen sind weder Mitglieder eines Missionsvereins, noch Abonnenten von Missionszeitschriften. Könnten nicht ebenso viele marianische Sodalinnen etwas ins Rollen bringen, damit auch diese für das Missionswerk erreicht werden? Das wäre doch eine epochale Mitarbeit zur Missionsreform, nach der besonders Deutschland seufzt. So wären die Marianischen Kongregationen „der Sauerteig, den eine Frau unter einen grossen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war“ (Lk 13,21).
 
Gerade in unseren Tagen ist die Missionsfrage aktuell. Weite Gebiete der Heidenwelt öffnen sich der europäischen christlichen Kultur. Tun wir heute nichts Entscheidendes dafür, werden diese Völker für die katholische Kirche verloren bleiben. Um sie zu erreichen, ist der Aufruf dringend:

1. Unterstützung der Missionen und Missionsvereine, zum Beispiel das Werk der Glaubensverbreitung und des Kindheit-Jesu-Vereins. In Ihre Empfehlung lege ich besonders den afrikanischen Erdteil. Als Hilfsverein dieses Kontinents gedenken Sie des von der St.-Petrus-Claver-Sodalität jüngst gegründeten „Missionsbund für Afrika“.

2. Dieser Missionsbund ist aus der Notwendigkeit entstanden, den afrikanischen Missionen neue Hilfsmittel zu liefern. Er will auf die breiten Massen wirken und alle Stände zur freudigen Missionsarbeit aufbieten. Jeder, der eine jährliche Missionsspende von 50 Heller oder eine monatliche von 5 Heller gibt, tritt als Mitglied in den Missionsbund und erhält ein Aufnahmebildchen. Wer 20 Mitglieder gewinnt, diese zu einer Missionsgruppe vereinigt und deren Spende der St.- Petrus-Claver-Sodalität zuführt, wird Gruppenführerin bzw. Gruppenführer des Missionsbundes. Die Mitglieder werden teilhaft aller, der St.-Petrus-Claver- Sodalität verliehenen Ablässe und geistlichen Privilegien. Die Geistlichen, die den Missionsbund einführen oder fördern, werden als Förderer der St.-Petrus-Claver- Sodalität aufgenommen und haben als solche grosse geistliche Vorteile.

Teure marianische Mitsodalinnen und Sodalen, wünschen Sie nicht, Ihren apostolischen Eifer und Ihre Liebe zu Jesus und Maria zu beleben? Werden Sie – ich bitte Sie inständig – noch heute Missionarin des Missionsbundes. Werben Sie Mitglieder, bilden Sie Missionsgruppen, bemühen Sie sich, dass nicht bloss Ihre eigene Kongregation dem Missionsbund angehört, sondern erobern Sie Auswärtige dafür.

Keine Kongregation ohne Missionssektion und keine Missionssektion ohne eine Missionsgruppe für Afrika. Kein Heidenland erfreut sich der Gegenwart der Muttergottes mit dem Kind so sehr als gerade Afrika, auf dem Marias Auge mit besonderer Vorliebe ruht. Leider aber wird gerade in Afrika unsere himmlische Mutter in der Person der geknechteten afrikanischen Frau drastisch verfolgt. Während wir Frauen in Europa uns der Freiheit Christi erfreuen, ist die Frau in Afrika ein Nichts. Als Sklavin geboren, wird sie wie ein Lasttier behandelt, geschlagen, verkauft, auf alle Art misshandelt, mit den härtesten Arbeiten belegt. Es ist das Wirken Satans, der sich in der afrikanischen Frau an der Jungfrau Maria rächt, die ihm den Kopf zertreten soll. Der Sklavenhandel kann durch das Christentum gelöst werden. Unterstützen wir deshalb die Missionen. So verherrlichen wir Maria.
 
Möge der neue Missionsbund für Afrika dazu beitragen, dass von einem Ende Afrikas bis zum andern der Ruf erschalle: Ave Maria, sei gegrüsst Jungfrau der Jungfrauen; Gebieterin Afrikas, sei gegrüsst!

Maria Theresia Ledόchowska



[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Januar 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.