Hauptversammlung der Katholischen Lehrerinnen Bayerns

München, 29. August 1898 [1]

Prälat von Traunstein: „Das interessiert mich sehr. Bei uns in München kennt man die Sache noch gar nicht.“

Sehen Sie, verehrte Lehrerinnen, dies ist der Grund, mich heute an Sie zu wenden, um von unserem Werk zu sprechen. Dies hat einen doppelten Grund:

1. Der Verein der Lehrerinnen und Erzieherinnen hat stets meine besonderen Sym- pathien gehabt, zumal wegen Ihrem Verständnis für Hingabe und Opfer zugunsten Notleidender. Gott hat es gefügt, dass meine erste Gefährtin diesen Beruf verliess, und Gott kann es fügen, dass ich gerade aus diesem Beruf noch mehr Hilfskräfte er- halte.

2. Als Lehrerin Schülerinnen zu guten Christinnen erziehen ist eine vornehme Aufga- be. Sie sucht, mit dem christlichen Geist den ganzen Unterricht zu durchdringen. Ge- rade diese Aufgabe macht sie zur Gefährtin unseres Werkes. Sie findet hier Unter- stützung in ihrem christlichen Auftrag ihren Schülern gegenüber. Warum? Dieser christliche Auftrag ist verbunden mit der Liebe und dem Interesse für die Missionen in den Südländern. Gerade die Missionen sind es, die die Kirche katholisch und univer- sal machen. Wenige Christen und auch wenige Katholiken verstehen dies! Warum ist ihr Verständnis so gering? Vielleicht ist ihre religiöse Begeisterung für die Missionen vernachlässigt worden im Sinne des Sprichwortes: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Doch gerade das Kinderherz ist für die Missionen empfänglich. Wird die Gelegenheit entsprechend genutzt, gerade dieses Thema dem Kind nahe zu legen? Wird in den Familien in einem christlichen Land gegenüber den Kindern die Glaubensfreude geweckt, von christlichen Eltern geboren zu sein? Leider nicht. Hier haben wir eine grosse Lücke im christlichen Unterricht unserer Jugend. Wenn die Anhänger einer Partei uns zurufen, Religion sei Privatsache, so rufen wir Katholi- ken, wenn es um Missionen in Heidenländern geht, vielfach untereinander zu: Missi- on ist Privatsache! Und dies, nachdem unser Herr vor achtzehn Jahrhunderten in einer seiner letzten Botschaft erinnerte, dass noch viele Heiden zu bekehren sind. Soll das „Privatsache“ für uns Katholiken sein und nicht vielmehr unser 2. Gebot?

Von allen Missionsstationen hört man einstimmig die Klage: Mangel an Geldmitteln. Ein erfahrener afrikanischer Missionar sagte mir einmal: Hätte ich nur die nötigen Geldmittel, in 100 Jahren wäre Afrika bekehrt. Wir haben mehrere Vereine, wie das Werk des Glaubensverbreitung, den Franz Xaver-Verein, den Afrika-Verein, hier in Bayern den Ludwigs Missions-Verein, die die Missionare an der Front unterstützen. Genügen aber die von ihnen aufgebrachten Summen für die unermesslichen immen- sen Bedürfnisse auf dem Missionsfeld? Stehen sie im Verhältnis mit der Zahl der Ka- tholiken? Leider nicht. Es ist bekannt, dass die Protestanten sechsmal mehr Mittel für die Missionen aufbringen. Trotz der Existenz dieser Vereine finden Kinder und Er- wachsene Gründe, die Missionswerke zu ignorieren. Warum? Haben die Katholiken weniger Opfergeist und Liebe zu den Mitmenschen als die Protestanten? Nein. Ha- ben die Protestanten etwa keine lokalen Bedürfnisse in ihren eigenen Kirchenbauten und Wohltätigkeitsanstalten? Auch das nicht, denn die Protestanten verfügen über Geldmittel auch für ihre interne Mission. Vielmehr ist es so, dass bei den Protestan- ten die Propaganda viel besser organisiert ist als bei uns. Verstünden wir richtig Wer- bung zu machen, könnten wir trotz allen lokalen Bedürfnissen die Missionen unter- stützen. Diese Realität führte zur Gründung der St. Petrus Claver Sodalität.

Dazu einige Worte:

I. Diese Sodalität ist eine Hilfsgemeinschaft für die Verbreitung des Glaubens vor al- lem in Afrika, diesem gequälten Erdteil, dessen Befreiung zu nahen scheint. Diese Hilfe leistet sie durch Animation. Sie ist also eine Art Animationsgesellschaft, oder – modern ausgedrückt – ein „Werbe-Verein“. Dadurch ist sie auch nicht nur keine Kon- kurrentin, sondern vielmehr eine Art Ergänzung oder Hebel der bestehenden Missi- onsvereine und des Peterpfennigs.

II. Vereinsbeiträge einziehen ohne vorangegangene wirksame Werbung ist ein schlechtes Geschäft. Bei genügender Animation aber fliesst das Geld von selbst. Zwar suchen auch die Vereine Propaganda zu machen. Doch eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich zur einzigen Aufgabe entschied, die Missionen zu unterstützen, geben sich diesem Zweck mit mehr Erfolg hin, als ein Komitee selbst für die Missionen begeisterter Priester oder Laien. Wir möchten alles tun, um die Liebe zu den Missionen in den Herzen von Gross und Klein zu wecken.

a) Wir machen mündliche Werbung und organisieren Vorträge der Missionare, so zum Beispiel beim Lehrerinnen-Verein. Das verehrte Komitee weiss um die Mühen des Vorbereitens der Vorträge. Wir bahnen den Weg. Während der Dauer eines Mo- nats (ab 22. Mai) begleiteten wir Pater Acker auf seiner Rundreise.

b) Schriftliche Propaganda: Herausgabe der Schriften „Echo“ und „Kleine Afrika-Bi- bliothek“. Sie unterscheiden sich von anderen Missionsschriften wie „Heidenkind“, in- dem sie von allen in Afrika wirkenden Gemeinschaften etwas bringen. Diese Schrif- ten weisen den Weg für die speziellen Organe der Gemeinschaften. Sie sind sehr bil- lig und allen zugänglich. Die Kinder lesen gern die „Kleine Afrika-Bibliothek“. Für die Schulen sind sie gratis. Die Schüler sparen so ihre Pfennige für die Missionen. Die Hefte sind auch einzeln käuflich: Als Spielgewinn, für den Weihnachtstisch etc. Bitte füllen Sie den Bestellschein noch heute aus und adressieren Sie diesen an die Hirschstrasse 33.

Wir organisieren Ausstellungen afrikanischer Gegenstände. Sie wurden bis jetzt drei- mal durchgeführt, weitere folgen diesen Herbst in Breslau und Wien und richten Mu- seen ein.

c) Wichtige Werbe-Mittel: Eigene Druckerei-Einrichtung mit doppeltem Zweck: Unse- re Schriften in grosser Menge und in den verschiedensten Sprachen auf die billigste Weise herauszugeben. Mit der ersten Bibelgesellschaft, die mit 152 Millionen Bibeln die Welt überschwemmt hat, konkurrieren. Später in afrikanischen Sprachen Kate- chismen, Evangelien etc. drucken. Wir haben drei Jahre darum gerungen und ge- siegt. Maria Sorg hat geholfen. Einer gewissen Gruppierung war das besonders un- angenehm. Die Hölle ging los! Erstens, weil uns die Bewilligung durch die Regierung erteilt wurde und jetzt, weil ich an die Wohltätigkeit der Katholiken appelliere zur Be- streitung der Kosten. Es fielen Bemerkungen wie „Maria Sorg – Zentralstelle für kleri- kale Volkswerdung“. Dazu war ein gewisser „Gimpel“ bestimmt. Ein Gewinn für uns, eine Ehre, so beschimpft zu werden; eine Werbung, wie man sich besser keine wünschen könnte. Gute Katholiken erkennen so, wie wichtig unser Unternehmen ist.

Sie bezeugen es durch Beiträge oder, wer dazu berufen ist, durch persönlichen Ein- satz, dass „Gimpel“ gute „Werbung“ gemacht hat.

III. Was sind Sinn und Ziel der Interessen und der Werbung für die Missionen?

Zur Ausübung des Missionsauftrages sind für die Missionare und Schwestern Geld, Berufung und Gebet notwendig. Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon in den ersten christlichen Zeiten wurde das Diakonat ins Leben gerufen. Seine Aufgabe war es, für das Materielle zu sorgen, damit die Apostel sich ausschliesslich der Verkündigung des Evangeliums widmen konnten. Wir Petrus Claver-Schwestern wollen Dienerin- nen der Missionen sein. Was haben wir schon erreicht?

a) In Folge unserer Propaganda-Tätigkeit gingen durch unsere Hände in wenigen Jahren über 200’000 Mark ein. In Österreich, das bisher durchschnittlich 30’000 fl. (Florin, Gulden) für das Werk der Glaubensverbreitung ausgab, wurden im verflosse- nen Jahr zudem 55’000 fl. für die afrikanischen Missionen gespendet. Diese Beiträge sind in stetem Zunehmen. Auch in Deutschland, in dem die Vereine oft klagen, die Einnahmen würden zurückgehen, könnte nach unserer Überzeugung durch eine gut organisierte Missionsanimation das Dreifache, sogar das Zehnfache an Spenden er- zielt werden. Die bei uns eingehenden Beiträge werden an alle in Afrika wirkenden Gesellschaften ohne Unterschied der Nationalität verteilt. Die St. Petrus Claver So- dalität, obwohl in Österreich entstanden, aber doch nicht national, ist katholisch wie die Kirche selbst. Und da Österreich keine Kolonie in Afrika besitzt, wie man uns vor- wirft, so fliesst durch unsere Tätigkeit in die katholischen Missionen der deutschen Kolonien nicht einfach nichts, sondern es kommen ihnen auch Gelder aus Österreich zu, die sonst nie dahin gelangt wären

b) Die zweite Frucht unserer Propaganda sind die Missionsberufungen, die unsere Schriften hervorrufen. Doch nicht nur das. Bei den männlichen Berufungen suchen wir sie den Missionsorden zu empfehlen, weibliche Berufungen, die ohne Unterstüt- zung nicht bei den Missionsschwestern Aufnahme fänden, nehmen wir zur Vorbil- dung in unser Missionshaus auf, damit kein Geld an Nicht-Geeignete verschwendet wird. Darauf empfehlen wir sie den verschiedenen Missionsnoviziaten und kommen für ihren Unterhalt auf bis zur Gelübdeablegung. Acht weilen bereits als Schwestern in Afrika, 26 sind zur Zeit in der Sodalität.

c) Die dritte Frucht waren das Gebet und der Gebetskreuzzug.

IV. Wie ist nun die St. Petrus Claver Sodalität organisiert? Es können ihr Laien und Ordensleute angehören.

a) Eigentlicher Kern: Weibliche Ordensgemeinschaft mit Gelübden, als interne Mit- glieder. Approbiert im April 1897 von Seiner Eminenz Kardinal Haller. Sie weihen sich dem Dienst der afrikanischen Missionen. Sie gehen nicht nach Afrika, da sie die feste Überzeugung haben, dass ihre Arbeit hier ebenso wichtig ist. Es ist ein Opferle- ben, ein Leben aus dem Glauben. Sie verzichten darauf, die Früchte ihrer Arbeit zu sehen. Arbeit ist genug: Redaktion, Spedition, Druckerei, Bildung der Kandidatinnen, Rechnungswesen, Paramente, Sendungen nach Afrika, usw. Sie erhalten missionari- sche Schulung nach einem einfachen Bildungsprogramm. Sie haben keine Kloster- klausur und tragen kein Ordenskleid.

b) Unter Laien gibt es Externe und Förderer bzw. Förderinnen. Externe verpflichten sich dem Werk und haben Statuten ähnlich den Marienkindern. Sie vertreten die So- dalität in der Welt und bereiten uns den Weg. Ihr religiöses Leben ist mit uns verbun- den. Förderer bzw. Förderinnen unterstützen die Sodalität durch festgelegte und öf- tere Beiträge. Sie sind berufen, nicht nur zu sammeln, sondern auch Schriften zu ver- breiten. Geistliche Vorteile: Anteil an allen Ablässen, Mitgliedschaft.

Wer nähere Auskünfte über eine dieser drei Gruppen wünscht, findet sie in zwei Schriften mit Notizen über Organisation und Berichte. Ich werde sie allen gern abge- ben, die sie von mir oder meiner Begleiterin verlangen. Wenn sich jemand als Förde- rin melden will, findet mich immer bis Dienstagabend im Hotel Marienbad, Louvre- strasse.

V. Ich komme zum Schluss. „Der Segen des Vaters bereitet den Kindern Häuser“. Dieser Spruch hat sich recht auffallend an uns erfüllt. Vor viereinhalb Jahren war es, dass ich ganz allein mit meinen Statuten auf Pergament nach Rom zum Heiligen Va- ter ging, um mir von Seiner Heiligkeit den Segen und die besondere Erlaubnis zur Gründung der Sodalität zu holen. Ich erhielt sie. Heute nach dieser kurzen Zeit sind wir bereits eine wohlorganisierte religiöse Gemeinschaft. Wir haben unser Heim in Maria Sorg bei Salzburg, haben den Heiland unter uns und können mit Dank und Freude auf all das blicken, was wir schon zugunsten der Missionen leisten konnten. Wenn nun einmal die Druckerei im Gang ist, können wir erst recht vieles zur Rettung der Seelen in Afrika beitragen. Es liegt etwas Erhabenes in der Berufung, die zum Ziel hat, Seelen zu retten.

Sie, verehrte liebe Lehrerinnen, werden mich da besser verstehen als irgendwer. Ihr Beruf ist es ja, nicht nur Ihre eigene Seele zu retten, sondern Sie tragen auch Verant- wortung für die Kinder. Auch Sie hegen mit uns den Wunsch, durch die dem Heiland zugeführten reinen Kinderherzen Genugtuung zu leisten für die unzähligen Men- schen, die in ihrem Leben auf der Strecke bleiben. Wirken Sie bitte mit zum Seelen- heil unserer Brüder und Schwestern in Afrika. Lehren Sie vor allem die Kinder, sich für diese fernen Brüderchen und Schwesterchen zu interessieren, über sie zu lesen und sich kleine Opfer zur Unterstützung der Missionare aufzuerlegen. Lehren Sie die Kinder, für dieselben zu beten. So werden Sie Katholikinnen erziehen mit einem wei- ten Herzen und felsenfesten Glauben. Und da Sie aus allen Ihnen anvertrauten Kin- dern nicht lauter christliche Mütter machen können, so notwendig diese auch sind, wollen Sie sich doch freuen, wenn durch diese Missionsanimation die eine oder an- dere Ihrer Schülerinnen eine Missionsschwester oder eine Hilfsmissionarin für Afrika, eine Schwester der St. Petrus Claver Sodalität werden sollte. „Die Ernte ist gross, aber der Arbeiter, bzw. Arbeiterinnen sind wenige.“

Maria Theresia Ledóchowska



[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Oktober 2008 ins heutige Deutsch überarbeitet.