Kardinal Lavigerie
1891 [1]
Der grosse Afrika-Apostel des 19. Jahrhunderts und das Werk der Antisklaverei.
Es ist eine unleugbare Tatsache, aber auffallend genug, dass gerade zu Ende unseres Jahrhunderts, in dem man die Kirche und ihre Diener am liebsten zum Schweigen bringen möchte, die Namen Jahrhunderts, in dem zweier Priester, nämlich eines schlichten bayerischen Landpfarrers und eines purpurtragenden Kirchenfürsten, in aller Munde sind. Beide haben samt ihrem eigenen Wirken nicht nur Himmelslohn verdient, sondern auch grössten irdischen Ruhm erlangt. Wie meine Leser merken geht es um Pfarrer Kneipp und Kardinal Lavigerie.
Vielleicht aber werden manche über diese Gegenüberstellung sich wundern. Warum? Forscht man gründlich, so sind Vergleiche zwischen dem grossen Apostel der Jetztzeit und dem berühmten „Priesterarzt“ nicht schwer zu finden. Pfarrer Kneipp ist in seiner Art ein Sklavenbefreier ( „schau, zu was mich die Leut’ noch alles machen“). Er hat durch seine Heilungsmethode zugleich mit den Krankheitsfesseln die arme Menschheit noch von anderen Fesseln zu befreien versucht, nämlich von Weichlichkeit, Bequemlichkeit, Unmässigkeit, Genussucht. Doch für heute wollen wir die Parallele nicht weiter auslegen. Sprechen wir dem „europäischen Sklavenbefreier“ unsere tiefste Bewunderung und Dankbarkeit für sein Wirken aus. Kardinal Lavigerie hat es im hohen Alter verstanden, den dunklen Weltteil aus den schmählichen Banden afrikanischer Sklaverei zu befreien. Er hätte im Hauskalender einen schönen Ehrenplatz verdient, weil er zur Verehrung der Gottesmutter, zumal unter ihrem schönen Titel „Unsere liebe Frau von Afrika“, so Vieles getan hat und noch immer tut. Ihre Verherrlichung und jene ihres göttlichen Sohnes, der durch seine persönliche Gegenwart Afrikas Boden heiligte, bildete den Endzweck aller Bestrebungen dieses grossen Missionars.
Kardinal Lavigerie’s Lebenslauf ist in wenigen Worten erzählt. Er wurde im Jahr 1825 als Sohn eines Zolleinnehmers zu Esprit in der Diözese Aire in Frankreich geboren. Nach hervorragend vollendeten Studien empfing er im Jahr 1849 zu Paris die Priesterweihe und schon dreizehn Jahre später die Bischofsweihe. Seine Laufbahn in Afrika trat er im Jahr 1866 als Erzbischof von Algier an. Im Jahr 1882 wurde er Kardinal und am 10. November 1884 Erzbischof von Karthago und als solcher Primas von Afrika. Schon vom ersten Augenblick seines Wirkens im afrikanischen Kontinent war Lavigerie’s ganzes Sein und Streben danach gerichtet, den Afrikanern innerhalb und ausser der französischen Grenzen die Botschaft des Heils zu verkünden. Das grösste Hindernis bei diesen Bestrebungen fand er im Islam und in der damit verbundenen afrikanischen Sklaverei. Das bewog ihn zu seinem grössten Werk: der Antisklaverei. Vor ungefähr drei Jahren durchreiste er ganz Europa und setzte sich vehement gegen den Menschenhandel ein.
„Wer ist Kardinal Lavigerie?“ Dieser Frage wird man seit jenem Zeitpunkt selten begegnen, so sehr widerhallte Lavigerie’s Ruf von einem Ende Europas zum andern. Leider wird man umso öfter hören müssen: „Was will er denn von uns? Was geht uns sein Werk der Antisklaverei an?“ Denn nicht überall wurde er verstanden. Von einer Seite fand er begeisterte Aufnahme, aber von der zahlenmässig weit grösseren nur Kälte und Teilnahmslosigkeit. Beweis dafür ist, dass nach drei Jahren seiner apostolischen Reise die Antisklaverei-Bewegung unter den Katholiken Europas noch längst nicht so bekannt geworden ist, wie sie hätte sein sollen. Es gibt viele Gründe dieser traurigen Tatsache. Einen Hauptgrund sehen wir – zur Entlastung aller guten Katholiken sei es gesagt – in einer gewissen Unkenntnis des grossen Werkes und seiner Ziele selbst. Kardinal Lavigerie hat zwar nichts unversucht gelassen, Europa über sein Werk aufzuklären, sowie alle Nationen und Schichten der Bevölkerung dafür zu begeistern. Viele hörten seinen Ruf, viele wollten ihn nicht hören. Andere wieder vernahmen ihn nur vom Hörensagen ohne sich zu bemühen, über die Angelegenheit nachzudenken. Unser Jahrhundert ist ja für sehr viele Menschen – man verzeihe diese ungeschminkte Wahrheit – ein Jahrhundert der Denkfaulheit und der Bequemlichkeit. Es ist eben viel leichter und bequemer sich zu sagen „die Sache mag recht schön sein, aber mich geht sie nichts an“, als sie vorurteilsfrei näher zu betrachten und sich der Teilnahme nicht zu entziehen.
Deshalb kommt es darauf an, in Wort und Schrift Wesen und Ziele der Antisklaverei klar und eindringlich darzustellen. Wenn einmal dieser Mangel an Verständnis gründlich beseitigt ist, dann kann es ja nicht fehlen – ich traue mir diese Prophezeiung zu – dass das grosse Werk gleichsam in Fleisch und Blut der gesamten Christenheit eindringt und Afrikas Befreiung und Bekehrung zum Christentum herbeigeführt wird.
Was bedeutet also vor allem das Wort „Antisklaverei“? Es ist soviel wie „gegen die Sklaverei“. Sie ist gegen jene Bewegung gerichtet, welcher vielleicht auch Du, liebe Leser und Leserin, gleichgültig oder zum mindesten misstrauisch gegenüber stehst. Doch Geduld! Ich hoffe, Dein Interesse für das Werk bald wecken zu können.
„Wie ist denn die Sklaverei in Afrika entstanden? Ist sie nicht eine durch die Verhältnisse bedingte Notwendigkeit, der sich die Afrikaner gerne fügen? Soll man sie gegen ihren Willen frei machen?“ Solche Fragen dürften wohl vor dem Ausspruch eines sehr erfahrenen und in Afrika tätigen Missionars, des Hochw. P.A. du Roy, verstummen, der uns sagt: „Eines ist gewiss, wie milde sie auch auftritt, die Sklaverei erniedrigt.“ Und wen erniedrigt sie? Den Menschen, Gottes Ebenbild. Wir brauchen wohl diese Erwägung nicht weiter in Frage zu stellen.
Doch von dieser sogenannten Hausklaverei in Afrika, der manche Gegner der Antisklaverei gerne zustimmen, ist hier nicht die Rede. Nicht sie will Kardinal Lavigerie bekämpfen, wohl aber jene Sklaverei, die ihre Quellen ganz allein in Raub und Gewalt hat, jene Sklaverei, mit der Sklavenhandel Hand in Hand geht.
Wir verweisen auf das Bild voll Grauen und Entsetzen, das uns Leo XIII. in seinem Rundschreiben an die Bischöfe Brasiliens von dem Los der armen afrikanischen Sklaven aufzeigt: „Das Barbarische der Behandlung jener Unglücklichen, die, sei es als Kriegsbeute oder sonst durch Gewalttat dem Lose der Sklaverei verfallen sind, übertrifft jede Vorstellung. Alljährlich werden nahezu eine halbe Million Neger verhandelt, ungefähr die Hälfte sinkt auf den höchst beschwerlichen Reisen aus Erschöpfung zusammen so dass, es ist entsetzlich zu sagen, die dort Reisenden den Weg bezeichnet sehen mit den Gebeinen derer, die auf solche Weise umgekommen sind.“ (Leo XIII.)
Ähnlich entsetzliche Berichte finden wir in den Aufzeichnungen weltberühmter Forscher wie Livingstone, Kameron und viele Missionare, die jahrelang Augenzeugen dieser Greuel waren. Nach ihrer Meinung sind besonders die Sklavenjagden, die mit der Sklaverei zusammenwirkten, das Schrecklichste, das menschliche Grausamkeit ersinnen kann. Es ist nicht nötig, die blutgetränkten Seiten dieser traurigen afrikanischen Chronik unsern Leser vor Augen zu halten. Unsere Andeutungen dürften genügen, um die Schrecken der afrikanischen Sklaverei und zugleich das Wesen des Werkes, das diese Zustände bekämpft, ins richtige Licht zu setzen. Und hier ist auch der Ort, um über den beliebten Vergleich zwischen den „weissen Sklaven“, d.h. den europäischen Fabrikarbeitern, und den „schwarzen Sklaven“ zu reden. Ob das Los des allerunglücklichsten Europäers mit dem Elend der afrikanischen Sklaven vergleichbar ist, sei dahingestellt. Jedenfalls überragt das moralische Elend der Sklaven des Schwarzen Kontinents das der „weissen Sklaven“ bei weitem. Letzterer kann Trost und Linderung in der Religion finden. Er weiss, seinem Leiden einen Sinn zu geben. Der zu Tode misshandelte heidnische Sklave weiss nichts von der göttlichen Gnade. Christen, bedenken wir diese furchtbare Tatsache, und es wird uns von selbst bewegen, diese Menschen aus ihrem Elend zu befreien.
Die Antisklaverei darf uns Menschen des 19. Jahrhunderts nicht gleichgültig sein. Jene, die das Wort „Freiheit“ überall und bei jeder Gelegenheit gebrauchen, sollten nicht dulden, dass auf dem uns zunächst gelegenen Erdteil Zustände bestehen, in dem weder Freiheit, Humanität noch Zivilisation besteht.
Uns Katholiken bindet an das Werk der Antisklaverei noch mehr als nur Menschenliebe. Uns sind seine Ziele, seine Bedeutung für das Christentum in erster Linie massgebend. Was sind diese Ziele andere, als Freiheit des Leibes und der Seele den afrikanischen Sklaven zu geben. So scheint uns das Werk der Antisklaverei in einem neuen, anziehenden Licht. Wir erkennen darin unsere Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst.
Wir zeigen unsere Liebe zu Gott, indem wir nach Kräften dazu beitragen, dass Christi Auftrag an die Apostel erfüllt werde: „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15) und das sich das Schriftwort bewarheitet: „Und es wird eine Herde und einen Hirten geben“ (Joh 10,16). Auch die unglücklichen Afrikaner sind in diese Herde gerufen. Auch für sie ist Christus am Kreuz verblutet. Warum also noch bezweifeln, dass es in Gottes Absicht liegt, ein Werk zu fördern, das ihre Bekehrung zum Endzweck hat? Wenn wir Gottes Willen dadurch erfüllen, tun wir das, was ausgedrückt ist in den Worten des Katechismus:
„Wir sind auf Erden um Gott zu loben, ihn zu ehren, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Durch das Werk der Antisklaverei dienen wir zunächst Gott.
Christus der Herr hat uns nicht nur das Gebot der Gottesliebe, sondern auch das der Nächstenliebe aufgetragen. Er hat uns alle Menschen zu Brüdern und Schwestern gegeben samt den gepeinigten Sklaven in Afrika. Wo könnten wir die Nächstenliebe in vollerem Masse ausüben als dort, wo wir sichere Gewähr haben, dass das Werk leiblicher Barmherzigkeit zugleich ein Werk geistiger Barmherzigkeit ist und es um die Rettung Tausender, ja Millionen von Seelen geht?
Bedenken wir schliesslich die Worte unseres Herrn: „Verschafft euch Beutel, die nicht veralten, einen Schatz im Himmel, der nicht abnimmt“ (Lk 12, 33), so wird uns klar, dass sich zur Sammlung himmlischer Gnadenschätze keine bessere Gelegenheit bietet, als bei dem Befreiungswerk für Afrika. Bedenken wir ferner, dass wir das Grauen des Todes und die Schrecken des letzten Gerichtes mildern können, weil wir recht viele bekehrte Sklaven zu Fürsprechern vor Gottes Thron haben. Somit wird uns die christliche Klugheit zur teilnehmenden Liebe anspornen.
Endlich dürfte für jene Katholiken, die selbst für andere Beweisgründe taub sind, der Grundsatz gelten: „Roma locuta, causa finita“, d.h.: Rom hat entschieden, der Fall ist erledigt. Die Worte von Leo XIII. bedürfen keiner Deutung, seine Worte enthalten keine Klausel. Er nimmt keine Rücksicht auf Land, Stand, Nation oder Religion, wenn er ausruft: „Möchten doch alle jene, die sich der Macht oder des Einflusses rühmen dürfen, alle, die die Rechte der Menschheit heilig halten, alle, die sich für die Ausbreitung der katholischen Kirche interessieren, möchten sie doch alle gemeinsam ihre gesamten Kräfte der Unterdrückung, Verhinderung und gänzlichen Abschaffung des schmachvollen und sündhaften Sklavenhandels widmen!“ Ich frage nun Euch Katholiken, wer soll sich für die Ausbreitung der katholischen Religion interessieren, wenn nicht wir? Wer soll dem sehnlichsten Wunsch unseres Heiligen Vaters – die Abschaffung der Sklaverei – nachkommen, wenn nicht zuerst wir?
Leo XIII. gab sich mit dieser Aufforderung nicht zufrieden. Noch ehe das Werk bekannt wurde, hat er diesem auf Eingebung des Hl. Geistes einen Patron, den hl. Petrus Claver, gegeben als Apostel der Afrikaner, „den Sklaven der Sklaven“ und hat ihn heiliggesprochen. Auch Kardinal Lavigerie, der Primas von Afrika, sollte im Auftrag des Heiligen Vaters in ganz Europa gegen die Sklaverei wirken.
Zum Schluss dieser Betrachtungen, die den unwiderruflichen Entschluss in den Herzen aller Katholiken ohne Ausnahme angeregt haben möge, dem von Leo XIII. und Kardinal Lavigerie ins Leben gerufenen Werk beizutreten, möchten wir einige Winke für eine wirksame Beteiligung geben. Die eine Art der Beteiligung hat uns Leo
XIII. selbst vorgezeichnet, indem er anordnete, dass jährlich, und zwar am hl. Dreikönigstag, – der Tag, der unsere eigene Berufung zum Christentum bewusst macht, – Geld als Gabe zur Unterstützung des Werkes der Antisklaverei gesammelt werde. Doch treue Helfer des Werkes werden es bei diesem jährlichen kleinen Almosen nicht genügen lassen. In den verschiedensten Ländern Europas sind infolge der apostolischen Reisen des Kardinals Lavigerie bereits Vereine entstanden. Die Vorstände und Teilnehmer dieser Vereine setzen sich zum Ziel, die Unterstützung der eingeleiteten Aktion, die seitens des Heiligen Vaters mit seinem apostolischen Segen ausgezeichnet und ermutigt wurde, voranzutreiben. Einzelnen dieser Vereine, zumal in Deutschland, Frankreich und Belgien verdankt das Werk der Antisklaverei und die katholische Missionstätigkeit in Afrika sehr viel. Es gilt, diese Vereine zu fördern, auszubreiten und ihnen neue Mitglieder zu gewinnen. Ferner kann für das Werk der Antisklaverei bzw. für ihre Bewegung zu seinen Gunsten in Europa viel Erhebliches geleistet werden durch Unterstützung und Verteilung von entsprechenden Broschüren, Zeitschriften usw. Diese wecken das Interesse für das Werk der Antisklaverei, die Liebe und Hochschätzung für die opfermutigen Missionare, das barmherzige Mitleid mit den armen afrikanischen Sklaven und halten sie rege.
In einer eindrücklichen Predigt, die Kardinal Lavigerie am Karfreitag des Jahres 1889 in seiner Kathedrale zu Algier hielt, hat er diese Unterstützung in folgender Weise aufgezeigt:
„Heute sind es weder Schutztruppen noch zeitliche Gaben, es ist eine Unterstützung des Gebetes. Das Gebet nämlich kennt keine Hindernisse. Es ist frei wie der Glaube und ihm gelingt es gewiss, bis zum Herzen des am Kalvarienberges sterbenden Gottmenschen zu dringen.“ Von diesem felsenfesten Vertrauen in die Macht des Gebetes, von diesem seinem Verlangen nach Gebetshilfe gab der Kardinal auch später bei jeder vorkommenden Gelegenheit Zeugnis. Als der Schreiber dieses Berichtes das Glück hatte, dem grossen Kirchenfürsten Kardinal Lavigerie zu begegnen, sprach dieser zu ihm die unvergesslichen Worte, die nicht nur in den Herzen aller Österreicher (Anmerkung: der Verfasser ist ein Österreicher), sondern in den Herzen aller Katholiken der ganzen Welt nachklingen mögen:
„Sagen Sie es Ihren Freunden daheim in Österreich: Was bei dem Werk der Antisklaverei vor allem Not tut, ist das Gebet. Beten Sie daher, beten Sie eifrig.“ Wenn Gott mit uns ist, wer ist wider uns? Wenn das Werk der Antisklaverei Gottes Werk ist, wie sollte es nicht endlich den Sieg erlangen?
Im Jahr 1891
Alexander Halka
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Oktober 2008 ins heutige Deutsch überarbeitet.

