Marienkultus in den Missionsländern Afrikas
Rom 1912 [1]
Einleitung
Schon im Jahr 1906 brachte ich in der Plenarversammlung des Marianischen Kongresses in Maria Einsiedeln einen Bericht zum Vortrag „Maria, das Heil Afrikas“. Es ging um die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria bei den Afrikanern. Die Beispiele hiefür hatte ich vorwiegend den Berichten der Weissen Väter entnommen, die in Uganda, dem vorzüglichsten marianischen Land des Schwarzen Kontinents, missionieren. Es dürfte zudem interessieren, wenn ich diesen mehr lokalen Nachrichten einen allgemeinen Überblick über den Marienkult in den verschiedensten Missionsländern Afrikas beifüge. So habe ich mich für nähere Auskunft an die Apostolischen Vikare und Präfekten von ganz Afrika gewandt. Viele von ihnen gingen mit Wohlwollen und sehr ausführlich auf meine Fragen ein. Die folgende Darlegung wird also mehr ihr Werk sein und verdient Ihre volle Aufmerksamkeit, verehrte Kongress-Teilnehmer.
Als Erstes werde ich von der allerseligsten Jungfrau Maria, der „Königin der afrikanischen Missionen“, und von der Verehrung der Missionare und der Afrikaner zu unserer himmlischen Mutter sprechen. Anschliessend gehe ich in 6 Teilen auf die Aktivitäten in den Vikariaten und Missionen, die besonders unter den Schutz Mariens gestellt sind, sowie auf Wallfahrten zu den Heiligtümern Mariens, ein. Darauf folgen die Feste zu Ehren Mariens, die verschiedenen Übungen der Marienverehrung und äussere Kundgebungen zum Gedenken Mariens.
Da mir zu meinem Bericht nur zehn Minuten zur Verfügung stehen, kann ich lediglich einige Ausschnitte davon vorlesen, die Ihnen wenigstens eine Idee über das von mir behandelte Thema geben.
„Der Name Mariens“, sagt ein Missionar aus der Gesellschaft Jesu, „glänzt in goldenen Buchstaben auf allen Fahnen der Verkündiger des Evangeliums. Der König Himmels und der Erde, der seinen Eintritt in die Welt allein durch den jungfräulichen Schoss Mariens nehmen wollte, bestimmte auch, dass der ununterbrochene Strom Seiner Gnaden durch sie auf die ganze Welt falle. Deshalb wird sie zurecht als‚ Maria, die Königin der Missionen’ begrüsst“. Heute beeilen sich die Missionare, das Glaubensgut auch in den von Sittenlosigkeit, Aberglauben und Häresie beherrschten afrikanischen Kontinent zu bringen. Je schwieriger ihre Aufgabe, desto grösser ihr Vertrauen auf die Fürsprache Mariens. Ohne Mariens Hilfe blieben alle Bemühungen der Missionare gegenüber diesen afrikanischen Völkern fruchtlos. Sind nicht Marias selige Erinnerungen gerade an diesen unglücklichen Kontinent geknüpft? Es war in Afrika, wo sie sich ihres jungen Mutterglücks mit dem Jesuskind erfreute. So ruhte der liebende Blick Marias besonders auf diesem Erdteil.
Wir wissen übrigens aus den Werken der afrikanischen Kirchenväter und neuestens aus den immer zahlreicher werdenden archäologischen Entdeckungen, wie sehr die Afrikaner von Anfang an eine innige Vorliebe zur Mutter Gottes bekundeten. Bis zum 7. Jahrhundert, als die Araber sich des Landes bemächtigten, war die Marienverehrung im Norden Afrikas bis nach Abessinien hinab verbreitet. Die Gläubigen dort zählten zu ihren eifrigsten Verehrern. Selbst später, als verheerende Unglücksfälle die ganze Kirche Afrikas getroffen und jahrhundertelang unter Ruinen begraben hatten, lebte in den Herzen die kindliche Liebe zu Maria fort. Und mütterlich hörte Maria auf die Bitten. Besonders für die armen christlichen Sklaven in Afrika, die während der Barbarei durch Jahrhunderte die einzigen Zeugen der Kirche waren, bedeutete die Andacht zu Maria viel. Für sie, die unter dem Druck der Mohammedaner litten, war Maria während dieser langen Zeit in voller Bedeutung des Wortes „die Trösterin der Betrübten“. Erstaunlich ist die Tatsache, dass selbst Völker, die dem Schisma erlagen und das Glaubensgut verloren hatten, der Verehrung der Gottesmutter – wenn auch nur äusserlich – treu geblieben sind. Sie lebt in ihnen fort als reine Jungfrau, in der Fantasie und in den Herzen der Schismatiker, ja sogar in den heidnischen Afrikanern, welche diese Erkenntnis alten, dunklen volkstümlichen Überlieferungen verdanken. Einstimmig bestätigen uns die Missionare, dass die Afrikaner vor allem für die Verehrung der göttlichen Mutterschaft Mariens zugänglich sind. Deshalb nehmen sie Marias allvermögende Hilfe bescheiden an. Grund zu dieser Haltung mag die Liebe und Ehrfurcht der Afrikaner zu ihrer eigenen Mutter sein. Die Verehrung der Jungfrau Maria ist für die Afrikaner gleichsam ein angeborenes Bedürfnis. Ihr Vertrauen scheint ein Beweis der Mutterliebe Mariens zu sein. Darum bemühen sich die katholischen Missionare, den Marienkult zu fördern. Die folgenden Darlegungen werden uns ihre Bemühungen in allen Teilen des Schwarzen Kontinents zeigen. Wir werden aber auch mit Freude feststellen, wie die afrikanischen Christen diesen Bemühungen nachkommen. Schon heute kann man ohne Übertreibung sagen, dass in Afrika, vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten, eine immer grössere Zahl Afrikaner der Himmelskönigin mit Hochschätzung begegnet. Somit ist Maria, die Königin der Missionen, in besonderer Weise die „Königin der Missionen Afrikas“.
1. Vikariate und Missionen, die speziell der Mutter Gottes geweiht sind.
Die Mission von ganz Abessinien [2], ebenso die Mission auf der Insel Madagaskar (1844) und alle Missionen des Kongostaates sind der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht (Breve von Papst Leo XIII. 1891). Auch die ganze Mission Shire ist Maria geweiht. Die Präfektur Namaqualand (1910), ein riesiges Vikariat von Zentralafrika, wurde durch Msgr. Daniel Comboni [3] (1868) geweiht, ebenso alle Missionen Ugandas (1879). Das Apostolische Vikariat von Unyanyembe ist „Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe“, das Apostolische Vikariat von Gabun dem „Heiligen und Unbefleckten Herzen Mariä“ geweiht. Für die Vikariate der Elfenbeinküste, Goldküste von Dahomey, Benin, die Präfekturen von Liberia, des Togolandes, des westlichen und östlichen Nigers u.a. ist das „Unbefleckte Herz Mariens“ ihre Beschützerin.
2. Kirchen und Kapellen zu Ehren der Mutter Gottes.
Folgendes berichtet uns die Statistik, in der es allein um Missionsländer geht: In 28 Vikariaten und 12 Präfekturen Afrikas zählen wir 293 Kirchen und Kapellen, die der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht sind. Die Diözesen Afrikas sind in dieser Statistik nicht inbegriffen, sonst wären die Ziffern bedeutend höher. Erstaunlich ist die Zahl der Kirchen und Kapellen im Apostolischen Vikariat Zentral-Madagaskars, die der allerseligsten Jungfrau geweiht sind; 102 Monumente sind dort zu Ehren Mariens errichtet. Hierauf folgen die Apostolischen Vikariate Natal mit 25 Kirchen und Kapellen, Süd-Viktoria-Nyanza mit 23 Gotteshäusern oder Kapellen und Eritrea mit 16 Kirchen und Kapellen. Im Apostolischen Vikariat Nord-Nyanza sind von 22 Missionsstationen 20 der Mutter Gottes geweiht.
Von den Titeln, die diesen Kirchen und Kapellen gegeben wurden, können wir nur die Bekanntesten nennen, doch werden diese Zahlen genügen, um uns eine Vorstellung zu machen. Von den 293 oben erwähnten Kirchen und Kapellen sind 51 der „Unbefleckten Empfängnis“, 31 „Unserer Lieben Frau von Lourdes“, 14 der „Rosenkranzkönigin“, 14 der „Mutter vom Guten Rat“ und 11 „Unserer Lieben Frau vom Sieg“ geweiht. Einige Kirchen tragen den Titel „Unsere Liebe Frau vom Berg Karmel“, „Unsere Liebe Frau von der Immerwährenden Hilfe“, „Herz Mariä“, „Name Maria“ usw. Titel von vielen Heiligtümern Frankreichs und Belgiens sind auf eine oder mehrere Kirchen und Kapellen Afrikas übertragen worden. Jene Titel dagegen, unter welchen die allerseligste Jungfrau Maria in anderen zivilisierten Ländern verehrt wird, finden wir nur in Natal bei den Trappistenpatres (Missionare von Mariannhill) wieder, wo einige Stationen uns an Deutschland und Österreich erinnern. Auch Polen hat dort seine Madonna von Częstochowa. Ein neuer Beweis, welch grossen Anteil diese Länder an den Missionen haben. Ihr Einfluss gibt sich sogar in den marianischen Denkmälern zu erkennen. Möge diese Erwägung ein Ansporn zum unermüdlichen Wettbewerb für alle anderen katholischen Nationen sein. Möge er in ihnen das Verlangen wecken, auch bald in Afrika Kirchen und Kapellen zu haben, die den Titel der berühmtesten Wallfahrtsorte ihres Vaterlandes führen. Sehr interessant sind auch die Titel der abessinischen Kirchen und Kapellen in Eritrea. Wir finden bei dieser Gelegenheit die glanzvolle Sprache der Orientalen wieder. Einige Titel ihrer Kirchen: „Erscheinung Mariens in Ägypten“, „Schlummer Mariens“, „Tod Mariens“, „Flucht nach Ägypten“, „Vermächtnis an Maria“ und „Bündnis mit der allerseligsten Jungfrau Maria“, „Jungfrau vom Sion“. Zu diesem letzten Titel geben uns die Mystiker die Erklärung, wenn sie sagen: Die Mutter Gottes ist die Stadt, die uns von den Angriffen der geistigen Feinde verteidigt. Der Sion, der Heilige Berg, auf dem der Tempel erbaut war, erinnert an die Jungfrau, die dem Tempel gleicht, in welchem Jesus Christus Mensch geworden ist.
3. Wallfahrten zu den Heiligtümern Mariens.
Die Heiligtümer Mariens und die zahlreichen Gnaden, die diese gute Mutter ihren neuen Kindern und Dienern zu gewähren wünschte, motivierten zu Wallfahrten. In der Tat vermehren sich immer mehr diese frommen Wallfahrten zur Mutter der Gnaden. Diese Übungen entsprechen vortrefflich der afrikanischen Frömmigkeit. Einige Beispiele: Im Apostolischen Vikariat Belgisch Kongo befinden sich mehrere Lourdesgrotten, die das ganze Jahr hindurch rege besucht werden. Die meisten Vorüberziehenden verweilen hier einige Augenblicke, um die himmlische Mutter mit einem „Ave“ zu grüssen. In Moanda, im selben Vikariat, haben die Missionare auf einem hohen bewaldeten Felsen am Ufer des Ozeans, wo die tiefe Stille nur durch den Gesang der Vögel unterbrochen wird, eine kleine Marienstatue an einem Baum befestigt. In der Absicht, hier einen Wallfahrtsort zu gründen. Monatlich pilgern Missionare mit Gläubigen zu dieser trauten Andachtsstätte. Ähnliches finden wir auch im Vikariat des südlichen Nyanza. Die 23 der Mutter Gottes geweihten Wallfahrtsstätten und Kapellen befinden sich gewöhnlich auf einer kleinen Anhöhe oder einem Hügel, ein bis zwei Kilometer von der Pfarrkirche entfernt. Diese geweihten Stätten, im allgemeinen sehr anmutig und von den Missionaren geschmückt, werden von den Gläubigen oft besucht. Jede Stunde finden sich dort andächtige Beter. In Zentral-Madagaskar sind die Wallfahrten zu den Heiligtümern der „Guten Mutter“, namentlich zu den zahlreichen Lourdesgrotten, sehr verbreitet. Die Madagassen lieben diese Andacht.
4. Feste zu Ehren der allerseligsten Jungfrau.
„Maria Himmelfahrt“ ist für den Afrikaner das A und O aller Marienfeste und wird deshalb sehr feierlich begangen. In allen Missionsstationen werden Gottesdienste und Prozessionen durchgeführt. Für alle Vikariate und Präfekturen ist es ein gebotener Feiertag, in vielen ist es auch – Kraft eines Breves Leo XIII. – das Patronatsfest, wie im nördlichen Nyanza, im Vikariat des Belgischen Kongos. In Abessinien ist Fasten der Auftakt zum Fest „Maria Himmelfahrt“ und zu allen marianischen Festen. Dem eigentlichen Fest schliessen sich dann noch fünf aufeinanderfolgende Feiertage an. Die Schismatiker lassen diesem Fest sogar ein vierzehntägiges Fasten vorangehen. Das Fest der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ lieben die Afrikaner ebenfalls. Es ist das Patronatsfest von Madagaskar und der Präfektur des Mamaqualandes. Es folgen die Feste: Maria Verkündigung, Maria Reinigung, Maria Geburt, das Fest des Heiligsten Herzen Mariä – das vor allem in den Missionen der Väter vom Heiligen Geist und des Heiligsten Herzen Mariä gefeiert wird – sowie das Fest des Berges Karmel und das Weihnachtsfest. Bei den Bagandas, den herausragenden Verehrer Mariens, wird die Mutter Gottes miteinbezogen bei der Huldigung, die sie dem göttlichen Kind an Weihnachten erweisen.
Der Europäer als Beobachter ist über die begeisterte Beteiligung der afrikanischen Christen und der Illuminationen während der Novene überrascht. Doch der Missionar ist glücklich im Blick auf all seine Opfer und Mühen. An allen diesen Festen, ob sie nun verpflichtend sind oder nicht, ist der Besuch des Gottesdienstes ein sehr reger.
Noch ein Wort über die zahlreichen marianischen Feste der Abessinier, wie sie uns Msgr. Carrara, apostolischer Vikar von Eritrea, beschreibt: Die marianischen Feste sind hier zahlreicher als die unseres Herrn. Monatlich sind zwei Tage ganz besonders der Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht. Ihre bedeutendsten Feste sind:
- Maria Himmelfahrt
- Maria Geburt (ist besonders den Frauen gewidmet und wird am ersten Tag eines Monats gefeiert)
- Tod Mariens (wird monatlich begangen)
- Einzug Mariens in Ägypten (wo sich die ursprüngliche Kirche befindet und dieses Fest fünf Tage dauert)
- Babra Quesquam (Etiopolis; Fest der Kirche gleichen Namens)
- Maria Empfängnis
- Opferung Mariens im Tempel
- Maria Verkündgung (Patriarch von Alexandrien Dake hat, wie man sagt, die Einsetzung dieses Festes veranlasst)
- Schutzfest der Madonna (eingesetzt zum Gedächtnis des Bündnisses, das Gott mit der allerseligsten Jungfrau Maria geschlossen hat)
- Wunder des Jesuskindes
- Fest der Gründung der ersten Kirche zu Ehren Mariens (vollzogen in Filippesius/Cäsarea Philippi)
- Fest der Einweihung genannter Kirche
5. Verschiedene Übungen der Marienverehrung.
a) Devotionalien: Alle Vikare und Apostolischen Präfekten berichten einstimmig, dass die Afrikaner die Medaillen und besonders das Skapulier, das sie „das Kleidchen Mariens“ nennen, hochschätzen und sichtbar tragen. Den Rosenkranz tragen sie um den Hals, Beim Eintritt ins Katechumenat erhalten die Katechumenen eine Medaille, welche sie ständig bei sich haben. Msgr. Van Rouslé, Apostolischer Vikar des Belgischen Kongo schreibt: „Selten ist es, dass ein Afrikaner nicht seinen Rosenkranz und sein Skapulier bei sich hat.“ In Zentral-Madagaskar gibt man den Madagassen das Skapulier für fünf Heller, oder man schenkt es ihnen. Eines Tages sagte ein Madagasse, der noch kein Skapulier hatte, zu einem Missionar: „Mein Vater, ich bitte dich, verschaffe mir ein Skapulier, verschaffe es mir um jeden Preis, müsste ich dafür auch eine Krone zahlen.“
Im Apostolischen Vikariat des Orange-Flusses erzählt der Apostolische Vikar Msgr. Simon: „Es gibt unter 2500 Christen nicht 100, die nicht den Rosenkranz und das Skapulier tragen.“ Die katholischen Abessinier tragen alle eine Medaille der allerseligsten Jungfrau mit grosser Andacht. Die Häretiker hingegen enthalten sich dieser Übung aus übergrosser Ehrfurcht und aus Furcht, die Mutter Gottes durch ihre Sünden zu entehren. Das Bild der allerseligsten Jungfrau ist bei den Afrikanern
allgemein ein Gegenstand der Verehrung. So finden wir in Ubanghi in den Hütten der meisten Christen Bilder der Mutter Gottes.
b) Gebete zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria. Die Afrikaner tragen und lieben nicht nur den Rosenkranz, sie beten ihn auch. Die Missionare suchen dies zu fördern. In manchen Missionsstationen ist das gemeinsame Beten des Rosenkranzes eine übliche Andachtsübung während der heiligen Messe. In anderen Missionen betet man den Rosenkranz öffentlich, wenigstens alle Samstage, Sonntage und an den Festtagen der allerseligsten Jungfrau Maria, und zwar am Schluss des Nachmittags-Gottesdienstes. Auch das private Beten des Rosenkranzes ist bei den Afrikanern sehr beliebt. Mehrere Apostolische Vikare heben hervor, dass man auf einsamen, im Gestrüpp verlorenen Pfaden Neophyten (erwachsene Neugetaufte) überraschen kann, wenn sie in stiller Andacht den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten lassen. Es gibt Vikariate wie Süd-Nyanza, wo nach einem Bericht des Apostolischen Vikars, Msgr. Sweens, das tägliche Rosenkranzgebet so sehr in der Übung ist, dass die Neubekehrten sich Vorwürfe machen, wenn sie es unterlassen. Ähnliches findet man in Zentral-Madagaskar. Msgr. De Saune erzählt:
„Oft klagen sich Katholiken an, sie hätten den Angelus oder den Rosenkranz nicht gebetet, und dies nicht etwa, weil sie diese für Pflichtgebete hielten. Vielmehr glauben sie – da sie der allerseligsten Jungfrau Maria diese Ehre nicht gewährten – der Nachlässigkeit schuldig geworden zu sein.“ Und der Apostolische Vikar der Stanle-Falls, Msgr. Grison,schreibt uns: „Das gebräuchlichste und beliebteste Gebet meiner Afrikaner ist ohne Zweifel der Rosenkranz.“
c) Andachten im Mai und im Rosenkranzmonat. Wir wollen noch zwei Andachtsübungen zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria anführen, die ebenfalls in allen für Christus gewonnenen Regionen Afrikas verbreitet und beliebt sind. Es sind Beispiele aus den Berichten der Missionare. Im Nieder-Kongo sind die Monate Mai und Oktober je ein grosses Fest von 31 Tagen, deren Andachten die afrikanischen Christen mit aller Treue besuchen. Am Oberen Il (Uganda) versammeln sich die Christen während dieser Monate täglich nachmittags in der Kirche, um den Rosenkranz zu beten und dann ein Lied zu Ehren der Mutter Gottes zu singen. In anderen Missionen wird während dieser beiden Monate Lesung oder
Predigt zu Ehren der Mutter Gottes gehalten oder gar den Rosenkranz vor dem Allerheiligsten gebetet. Der Apostolische Vikar Msgr. Hummel berichtet: „Im Apostolischen Vikariat der Goldküste werden die bedeutendsten Stationen der Marienmonate durch eine schöne Fackelprozession abgeschlossen. In den Monaten Mai und Oktober sind die Kommunionen viel häufiger. Viele Christen finden sich täglich bei der heiligen Messe ein.
d) Marianische Bruderschaften und Kongregationen. In vielen Missionen finden wir die „Erzbruderschaft des heiligen Rosenkranzes“, wie „Unserer Lieben Frau vom Siege“ und „Vom Berge Karmel“; so in den Vikariaten von Bagamoyo, von Französisch-Guinea, von der Goldküste, den Gebieten der Gallas, des Belgischen Kongo, in Süd-Nyanza, auf der Elfenbeinküste, im Vikariat des westlichen Niger, Zentral-Madagaskar, Dahomey und Benin (im Jahr 1911 betrug die Gesamtsumme der von den Mitgliedern des Gebetsapostolates gebeteten Rosenkränze etwa 697’022); ferner in dem Vikariat des englischen Sudan usw. In anderen Missionen bilden sich Marianische Kongregationen, die sehr beliebt sind auch deshalb, weil die Afrikaner ein Bedürfnis zum geselligen Leben haben. So besitzt das Apostolische Vikariat von Senegambien sechs blühende Bruderschaften und das Apostolische Vikariat Natal mehrere Marianische Kongregationen. In der Apostolischen Präfektur Ober-Rhodesien, die von den Jesuitenpatres betreut wird, finden wir in Buluwayo und in Salisbury Marianische Kongregationen, die der Kongregation in Rom angegliedert sind. Auch das Apostolische Vikariat der Gallas hat eine Marianische Kongregation mit Sitz in dem Waisenhaus zu Harar. Weitere liegen im Apostolischen Vikariat Kamerun, in Dahomey, Benin.
6. Äussere Kundgebungen der Marienverehrung.
Die Marienverehrung in Afrika zeigt sich auch durch viele äussere Kundgebungen, von denen wir einige nennen. In vielen Vikariaten wird der Name der allerseligsten Jungfrau Maria wenigstens als zweiter Name von den meisten Christen getragen; oft aber ist er ihr einziger Name. Nicht selten wird er auch den Namen der Knaben beigefügt. Pater Baetmann, Missionspriester in Abessinien, erzählt, dass man ihm eine Familie nannte, deren 5 Kinder alle der Mutter Gottes geweiht waren und entweder ihren Namen selbst oder einen ihren Titel trugen.
In der Vorstellung der Afrikaner spricht seit ihrer frühesten Kindheit alles von der „Mutter Maria“. Wenn ihr in Uganda den kleinen Kindern ein Bild zeigt, das nicht unseren Heiland darstellt, so werden sie euch antworten, es sei das Bild unserer „Bikira Maria“. Tritt bei den Abessiniern jemand zu einer versammelten Gruppe, so erheben sich die Anwesenden, während der neu Hinzukommende sie mit den Worten begrüsst: „Be Mariam (im Namen Mariens) bitte ich euch, lasst euch nicht stören, um mir die Ehre zu erweisen.“ Eine Mutter, die ein Kind erwartet, hört von ihren sie besuchenden Nachbarinnen ständig die allerseligste Jungfrau anflehen, denn sie sagen: „Alles kommt von Maria.“ Ist das Kind gesund geboren, ist dies ein eindeutiges Zeichen, wie sehr die allerseligste Jungfrau die Mutter liebt. Wie uns Pater Kuentz (Präfekt des Unteren Kongo) erzählt, schätzen es die Afrikaner besonders, Maria mit dem Titel „Mutter“ zu verehren. Sie begrüssen sie häufig mit
„Nossa Senhora“ oder „Virgin Maria“ oder auch mit „Maria Santissima“. Sie lieben es, in ihrer „Fiote-Sprache“ zu wiederholen: „Maria Mama“ (Mutter), „Mama Nzambi“ (Mutter Gottes), „Mam’ami” (meine Mutter). Diese liebevollen Namen klingen wohltuend. Wie ergreifend war der unaufhörliche Ruf eines unserer Kranken, des kleinen Ignatius, mitten in seinem furchtbaren Leiden zu hören: „Maria! Maria! Oh Maria! Oh Mama! Mbaka Kiali” (Oh Mutter, habe Erbarmen mit mir!)
In ihren Bedürfnissen, Gefahren, Krankheiten bringen die Neubekehrten Gaben zu Füssen der allerseligsten Jungfrau Maria. Nie hat Maria jemand verlassen, der auf ihre Hilfe vertraut. Schon oft haben die Missionare bestätigt, dass Maria auserwählte Gnaden jenen Afrikanern gewährt, die sich zu ihren Füssen niedergeworfen und ihren Beistand angefleht haben. Msgr. Gerboin, Apostolischer Vikar von Unyanyembe, schreibt uns folgendes beeindruckende Erlebnis: „Ein Katechist, der sein sterbendes Kind der allerseligsten Jungfrau Maria weihte, hatte die Freude, es plötzlich heil und gesund zu sehen. Jetzt ist es eines der reizendsten Kinder der ganzen Christengemeinde.“
Ein anderer Katechist, der zu einem kranken Kind alarmiert wurde und die „Gute Mutter“ angerufen hatte, gab es den glücklichen Eltern, die es schon für verloren hielten, gesund zurück. In Landana, so berichtet uns Pater Kuentz, ist ein kleiner Afrikaner schwer an Starrkrampf erkrankt. Der Arzt hat ihn aufgegeben. Man ruft zur Mutter Gottes, Heil der Kranken, vertrauend gegen alle Hoffnung. Dieses Vertrauen auf Maria rettete den kleinen Kranken; sechs Wochen später kehrt das Kind freudig und gesund zur Mission zurück, um am Altar „Unserer Lieben Frau vom Sieg“ sein Dankgebet zu sprechen. Pater Zappa, der Apostolische Präfekt des Oberen Nils, bestätigt, dass die Protestanten ohne Absicht durch ihren Spott die Verehrung und Liebe der Afrikaner zur allerseligsten Jungfrau Maria eher fördern.
Schluss
Dies ist eine unvollständige Darlegung der Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria in den Missionsländern Afrikas. Beschliessen wir unsere Versammlung mit einer praktischen Erwägung und einem festen Entschluss. Man kann feststellen, dass die erste Anregung zur Bekehrung der Afrikaner aus dem Unbefleckten Herzen Mariens kommt. Die natürliche Folgerung ist, dass es, um Afrika für Gott zu gewinnen, kein wirksameres Mittel gibt, als den Marien-Kult dort immer mehr und mehr zu verbreiten. Das ist das grösste Anliegen der Missionare. Eilen wir ihnen zu Hilfe, indem wir dort nach Möglichkeiten Kirchen und Kapellen zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria bauen lassen. Ein Apostolischer Präfekt schrieb mir vor kurzem, dass 1000 Kronen genügen, um Stifter eines solchen Marien-Heiligtums zu sein, dessen Titel die Wohltäter bestimmen können. Wer wollte diese geniale Gelegenheit verpassen, Maria seine Liebe zu beweisen! Wir wollen stets das Notwendige beitragen, um die Marienfeste würdig zu feiern. Senden wir auch unseren Brüdern und Schwestern in Afrika die von ihnen gewünschten Devotionalien wie Medaillen, Skapuliere, Rosenkränze usw.
Und noch eine Bitte an Sie, liebe Freunde: Schliessen Sie sich doch der St.-Petrus-Claver-Sodalität an, die, erst vor kurzem gegründet, im vollsten Sinn des Wortes die General-Prokuratorin aller Missionen Afrikas ohne Unterschied der Kongregationen oder Nationalität ist. Sie wird dankbar alle Gaben aufnehmen und den Missionaren übermitteln. In ihrem Institut, das vor zwei Jahren (1910) endgültig vom Hl. Stuhl gutgeheissen wurde, vereinigt sich eine Gruppe von Frauen, die – obschon in ihrem Land bleibend – sich als Hilfsmissionarinnen Afrikas bewähren. Sie geben alle ihre Kräfte, Kenntnisse und Talente, ja selbst Gesundheit und Leben hin, um das Interesse für die afrikanischen Missionen zu wecken und zu fördern, sowie Wohltäter zu werben. Nur einen Blick in das offizielle Organ unserer Sodalität, das „Echo aus Afrika“, und Sie werden die Wichtigkeit unserer Gesellschaft verstehen und erkennen, wie notwendig es ist, die Zahl ihrer Mitglieder zu erhöhen.
Wann werde ich das Glück haben, eine Schar engagierter und gebildeter Hilfsmissionarinnen in diesem Institut willkommen zu heissen? Solche, die sich der hohen Pflicht stellen, mit ihrer Hilfe unser Werk in allen Ländern und allen Nationen zu verbreiten. Wann wird es uns gelingen, afrikanischen Missionaren nicht 300’000 Kronen zu senden (das Ergebnis des verflossenen Jahres), sondern 3 Millionen oder gar 30 Millionen? Und wenn Ihnen diese letzte Zahl zu hoch scheint, so bedenken Sie, dass die Protestanten Englands allein jährlich für die Verbreitung des Protestantismus 50 Millionen spenden. Diese Zeit wird kommen, aber nicht in meinen Tagen. Das Weizenkorn muss erst in die Erde fallen, um Frucht zu bringen. Klar ist, dass eine Gesellschaft wie die unsere nicht wachsen noch Berufe finden kann ohne das wohlwollende Entgegenkommen aller Katholiken, insbesondere nicht ohne die unschätzbare Unterstützung der Geistlichen. An Sie, Priester und Diener Mariens, wende ich mich zuerst mit der Bitte, einen Einblick in unser Werk zu nehmen und Missionsberufe zu fördern. Unsere Schriften stehen Ihnen zur Verfügung. Vor allem sind wir, meine Gefährtinnen und ich, für Ihr Gebet dankbar. Maria wird es Ihnen tausendfach vergelten.
Maria Theresia Ledόchowska
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im September 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.
[2] Das heutige Äthiopien.
[3] Daniel Comboni, geb. 1831 in Limone sul Garda (Italien), gest. 1881 in Khartum in Sudan. Priester und Ordensgründer der Comboni Missionare (MCCJ), wovon heute rund 3’500 Ordensleute und Mitglieder des 2003 Säkularinstituts in 40 Ländern in Afrika und Mittelamerika arbeiten. Comboni wurde 1996 selig und heiliggesprochen.

