Missionsfrage und der 7. Österreichische Katholikentag
Oktober 1910 [1]
In einer sehr beachteten Korrespondenz aus Innsbruck zeigt man sich in der „Kölnischen Volkszeitung“ vom 15. September erstaunt, dass der Österreichische Katholikentag sich nicht mit der Missionierung der afrikanischen Länder und anderer Heidenländer oder der grossen asiatischen Völker befasst. Da die Überzeugung besteht, dass ich mich bemühte, bei diesem Katholikentag die St.-Petrus-Claver- Sodalität sprechen zu lassen, dürfte eine diesbezügliche Aufklärung – wenn auch verspätet – angebracht sein. Ich verstehe die Klage, die weltumfassende und allen Katholiken nahestehende Missionsfrage in Österreich bleibe noch immer das Aschenbrödel, für das man bei einem offiziellen Programm eines Österreichischen Katholikentages weder Platz noch Zeit habe. In Österreich fehlt es nicht am Missionsinteresse beim gläubigen Volk. Es fehlt vielmehr an einer systematischen, von der kirchlichen Autorität wie von den führenden katholischen Vereinigungen geförderten und wenn nötig geschützten Missionsorganisation. Zu den kirchlich anerkannten und bewährten Missionsvereinen Österreichs gehören das Werk der Glaubensverbreitung, der Kindheit Jesu Verein, Marienverein für Zentral-Afrika, Maria Empfängnis-Verein für den Orient, die Leopoldinen-Stiftung für Amerika und endlich die St.-Petrus-Claver-Sodalität für die afrikanischen Missionen. Solange aber diese, je nach der Initiative des einzelnen Vereins, sich mühsam ausbreiten oder am Leben erhalten, ohne von irgendeiner offiziellen Seite gestützt zu sein, solange ist auch der Desorganisation des Missionswesens in Österreich Tür und Tor geöffnet. Deswegen passierte es, dass beim Österreichischen Katholikentag eine Resolution zustande kam, die einen „Missionsverband“ gründen wollte. Sie empfahl ihn den Katholiken, ohne den schon bestehenden und bewährten Missionsvereinen Beachtung zu schenken. Doch schon der Aufbau scheiterte, und der Versuch versandete bald wieder. Heisst das nicht: Zerstören um aufzubauen? Nur so konnte es geschehen, dass vor zwei Jahren in Wien selbst eine Aktion zugunsten Missionen in Indien entstanden ist, die überhaupt nicht auf kirchlichem Boden steht. Und doch drang diese Aktion schon in manche Kreisen vor und erzielte Spenden. Zunächst mit einem Buch „Indien, das uralte Wunderland, die kolossale Riesenwelt von 300 Millionen Heiden“, das von Irrtümern strotzt. Nach der Aussage des apostolischen Delegaten Indiens, Erzbischof Zaleski, gibt dieses Buch einen ganz falschen Begriff von den Missionsverhältnissen in Indien. Zu dessen Aktionen gehört ferner der Versuch, in Österreich einen Verein zur Förderung der katholischen Mission Indiens zu gründen, dessen Statuten aber weder kirchlich noch staatlich genehmigt wurden. Dazu kommt die Herausgabe einer Zeitschrift „Licht und Liebe“, welche bereits im 2. Jahrgang steht und ganz im Geist des erwähnten Buches redigiert wird. Schliesslich wird die Desorganisation des Missionswesens in Österreich durch die Äusserung eines Referenten beim letzten Marianischen Kongress in Salzburg entlarvt. Er sieht es als moralisch unmöglich, das Werk der Glaubensverbreitung in Österreich zur Blüte zu bringen und gleichzeitig das erwähnte Unternehmen an erste Stelle zu setzen. All diese „Blüten“ sind Defizite einer sicheren Leitung der Missionsfrage in Österreich, sowie Mangel eines wünschenswerten Zusammenschlusses der bestehenden Missionsvereine in Österreich. So ist es vielleicht am besten, wenn die Missionsfrage bei Gelegenheiten wie die eines Katholikentages gar nicht zur Sprache kommt.
Aus diesem Grund habe ich an das vorbereitende Lokal-Komitee des Innsbrucker Katholikentages einfach die Frage gestellt, ob sich überhaupt der Katholikentag mit der Missionsfrage befassen würde, und wenn nicht, ob die St.-Petrus-Claver- Sodalität eine Nebenversammlung im Rahmen des Katholikentages abhalten könne. Die erste Frage wurde mir von Pater Dietrich aus dem Prämonstratenser-Kloster Wilten (Innsbruck), der Seele des vorberatenden Komitees, verneinend beantwortet. Betreffend Nebenversammlung jedoch sei er bereit, den Antrag zu befürworten, obwohl er infolge der kurz bemessenen Zeit und der vielen derartigen Nebenveranstaltungen die Entscheidung bezweifelte. Ich beeilte mich darauf zu antworten, dass – nachdem ohnehin die Missionsfrage beim Katholikentag nicht vorkomme – die St.-Petrus-Claver-Sodalität auf eine spezielle Kundgebung ihrerseits ganz verzichte. Bei den früheren Katholikentagen ist von allen Nebenversammlungen allein unsere Missionsversammlung übersehen worden. Ich wollte es nicht wieder darauf ankommen lassen, dass von den führenden katholischen Kreisen der Missionsfrage keine entsprechende Aufmerksamkeit entgegengebracht würde. Dass dies von dem Innsbrucker Korrespondenten in der „Kölnischen Volkszeitung“ besprochen und getadelt wurde, freut mich aufrichtig, denn vielleicht wird man sich in Zukunft bewusst sein, dass auch das katholische Österreich trotz der grossen Inanspruchnahme im Land für die grossen Aufgaben der Weltkirche in Pflicht genommen werden muss. Man muss einsehen, dass die im Missionsdienst Wirkenden nicht ganz unnütze Arbeiter sind im Gegensatz zu der nicht politischen österreichischen Katholiken-Organisation. So gut wie die Pioniere des Bonifatiusvereins, des Piusvereins und vieler anderer lobenswerter Vereine Österreichs suchen wir, unserer Aufgabe als katholisches Verein gerecht zu werden.
Maria Theresia Ledόchowska
(Generalleiterin der St.-Petrus-Claver-Sodalität)
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im September 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.

