Vortrag für den Kath. Frauenbund in Breslau
Wien 1908 [1]
Verehrte Damen!
Die Einladung, in dieser Versammlung des Kath. Frauenbundes über mein Missionswerk zu sprechen, ist mir eine wahre Ehre und Freude der St.-Petrus- Claver-Sodalität wegen. Wo könnte sie verständnisvollere Zuhörerinnen finden als im Kath. Frauenbund? Es beglückt mich auch Ihretwegen, meine Damen, denn gerade dieser Auftrag an mich beweist, dass Sie von echter Liebe zur weltumspannenden katholischen Kirche erfüllt sind. Es bestätigt, dass Sie sich nicht nur katholisch nennen, sondern katholisch denken und fühlen. Denn während Sie sich hier in Europa in Deutschland, Österreich, Frankreich zusammenschliessen, um für die höchsten Werte, die christliche Familie, die christliche Schule, die christliche Presse zu kämpfen, interessieren Sie sich auch für das Schicksal Ihrer armen Schwestern in Afrika. Noch heute, im Jahrhundert der Freiheit und Emanzipation, leiden diese unter dem Joch der Sklaverei. Während Ihnen hier die Wohltaten der katholischen Religion geschenkt werden, die uns Frauen zur Würde und Freiheit verhalfen, wünschen Sie, dass auch in Afrika das Licht des Glaubens aufscheint und der Frau die gebührende Achtung erwiesen wird. Sie empfinden mit Recht die schöne Pflicht, den Afrikanern tatkräftig unter die Arme zu greifen in der begründeten Hoffnung, dass der Herr so noch mehr Ihre Arbeit für die eigene Heimat segnen wird. Meine Damen, beste Gelegenheit dazu bietet Ihnen die Förderung der St.-Petrus-Claver-Sodalität. Sie ist entstanden, um Zivilisation und Christianisierung in Afrika und damit die Befreiung der afrikanischen Frau aus den doppelten Sklavenketten zu erreichen.
Was ist die „St.-Petrus-Claver-Sodalität“? Jedenfalls kein Sammelverein, sondern eine moderne Werbegesellschaft. Nicht durch störendes Sammeln von regelmässigen Beiträgen bringt sie die Geldsummen auf, die zur Unterstützung der Missionare dienen, sondern durch Belebung des Interesses für die Missionen. Bereits in acht Sprachen und in einer Gesamtauflage von 40’000 Exemplaren erscheint unser Organ, das „Echo aus Afrika“, zum günstigen Preis von Mark 1.20 jährlich. Eine Jugendschrift, die „Kleine Afrika Bibliothek“, erscheint deutsch und italienisch in einer Gesamtauflage von 15’000 Exemplaren. Zudem geben wir in Tausenden von Exemplaren Kalender, Broschüren und Flugschriften heraus, die die afrikanischen Missionen thematisieren. Ein weiteres Mittel der Werbung sind die von der Sodalität häufig veranstalteten Missionspredigten und Vorträge, sowie die in vielen Städten errichteten Museen mit afrikanischen Gegenständen. Wie diese Werbung auf rationellste Art das Geld aufbringt, beweisen die Zahlen. Seit dem Entstehen der Sodalität (1894) bis zum heutigen Tag wurden rund 1’600’000.- Mark in Geld und Gegenständen in die afrikanischen Missionen vermittelt, und dies ohne Unterschied der Nationalität oder des Kolonialgebietes, in dem die Missionare wirken. Bei dieser Verteilung sind allein die Bedürfnisse der Missionen, nicht aber die Nationalität der Missionare massgebend. Denn unsere Sodalität ist der Ansicht, dass die Missionswerke aufhören, katholisch zu sein, sobald sie national werden. Sind die katholischen Missionswerke international, dann dienen sie wahrhaft der Kirche. Fallen sie jedoch in ein Vereinsnetz mit nationaler Färbung, dann wird es fragwürdig, weil sie bald zum Spielball der Regierungen werden könnten. Nicht um Kolonialpolitik zu betreiben gibt unser katholisches Volk seine Missionsspenden, sondern um die Afrikaner auf den Weg des Glaubens zu führen. Ob diese von einem deutschen oder einem französischen Missionar getauft werden, ist ihnen egal. Diese hervorragende Werbetätigkeit der Sodalität bedingt auch eine feste Organisation. Sie ist ebenso eigenartig wie neu. Ihr Fundament bildet ein weibliches religiöses Institut, dessen Statuten bereits von Rom genehmigt wurden. Es untersteht der Jurisdiktion der Propaganda fide in Rom. Die Mitglieder, die Sodalinnen der St.-Petrus-Claver- Sodalität, stellen sich ganz und gar in den Dienst der Missionen. Sie werden in ihrer Arbeit durch Externe Mitglieder und durch Förderinnen und Förderer unterstützt, die einen Jahresbeitrag von Mark 2.- leisten. Ferner gibt es Teilnehmer, die monatlich 5 Pfg. und Kinder, die bloss 2 Pfg. einzahlen. Sie alle haben teil an den Privilegien und Ablässen, die der Sodalität von den Päpsten Leo XIII. und Pius X. verliehen wurden.
Wie könnten Sie, verehrte Damen, die wirklich das Möglichste zugunsten der armen Afrikaner tun wollen, die Sodalität unterstützen? Sie können es ohne den geringsten Aufwand an Zeit und Geld, wenn Sie der Sodalität in der Verbreitung ihrer Schriften behilflich sind. Gerade der Kath. Frauenbund hat doch Verbindung mit allen katholischen Vereinen und Gläubigen, die guten Willens sind. Könnten Einzelne von Ihnen sich nicht verpflichten, in Vereinen Probenummern unseres „Echo“ und unserer „Afrika-Bibliothek“ zu verteilen? Unsere hiesige Filiale, Hirschstrasse 33, kann Ihnen Exemplare nach Wunsch liefern. Man kann den Nutzen solcher Verteilungen gar nicht genug einschätzen. Ein gutes Blatt kommt nach meiner Erfahrung ebenso gut an wie ein gutes Wort. Ich selbst stünde nicht vor Ihnen, wäre eher noch Hofdame in Salzburg, wenn mir nicht zufällig eine Broschüre Kardinal Lavigerie’s in die Hand gefallen wäre, die mich bewog, mich den Missionen zu widmen. Wollen Sie mehr tun, dann abonnieren Sie das „Echo“ für Sie selbst oder für Andere. Die Mütter unter Ihnen sind eingeladen, ihren Kindern die „Kleine Afrika- Bibliothek“ zu abonnieren.
Meine lieben Damen, begeistern Sie die Jugend für die Missionen. Die Kinder sind die Zukunft der Kirche und des Staates. Gewinnen wir sie für das Edle, und wir werden sie vor schlechten Einflüssen bewahren. Die österreichischen Kinder lesen sehr gern die „Afrika-Bibliothek“, und unter ihnen hat die Sodalität ihre eifrigsten Anhänger. Sollten die Kinder in Breslau nicht weniger zu gewinnen sein? Geschätzte Damen, das liegt bei Ihnen. Jetzt ist der Augenblick, mit allen Mitteln den Glauben im katholischen Volk aufleben zu lassen und in die Herzen der Kinder zu legen, aus denen man ihn austreiben möchte. Ein vorzügliches Mittel dazu ist die Missionslektüre. Sie belebt erstaunlich unseren Glauben und animiert uns immer neu zu einem überzeugten Credo. Zu anderen Werken christlicher Wohltätigkeit kann uns auch nur blosses Mitleid bewegen, hinter dem oft Lutheraner und Freimaurer lauern. Unser Engagement am Missionswerk, d.h. an der Ausbreitung des Glaubens in den Heidenländern kann nur Folge eines eigenen tiefen Glaubens sein. Darum, meine Damen im Kath. Frauenbund, wirken Sie – gemäss Ihres kräftigen Credos und nach dem Mass Ihrer Möglichkeiten – auch für die St.-Petrus-Claver-Sodalität, d.h. für die afrikanischen Missionen, um Glaubensbrüder und –schwestern für die katholische Kirche zu gewinnen. Unser Herr Jesus Christus, der kein Glas Wasser, in seinem Namen gereicht, unbelohnt lässt, wird es Ihnen vergelten. Das gebe Gott!
Dringender Appell an Sie, katholische Frauen, sich für das afrikanische Missionswerk ernsthaft einzusetzen:
Gerade wir Frauen haben allen Grund zu handeln. Denken wir an das entwürdigende Elend, unter dem die afrikanische Frau seufzt und an die Sklaverei, in der sie gefangen ist. Helfen wir mit, sie zu befreien, indem wir Sitte und Religion nach Afrika bringen. Gott, der Herr, möge nicht zulassen, dass in Europa die Feinde der Kirche den katholischen Glauben aus Familie und Schule verbannen. Würde dieser teuflische Plan gelingen, wären wir Frauen die ersten Opfer und unser Schicksal käme den afrikanischen Sklaven gleich.
Zum Schluss ein Beispiel, wie europäische Herren, denen die Religionen nur Ethik bedeutet, über unsere Zukunft denken. Vor wenigen Monaten berief ein hoher Staatsbeamter zwei Missionsbischöfe aus einem Kolonialgebiet, das er besuchte, zu sich mit der Frage: „Warum gehen Sie bei der Bekehrung der Eingeborenen nicht nach dem Beispiel eines hl. Bonifatius, eines hl. Severinus vor? Warum taufen Sie nicht zuerst die Häuptlinge?“ Der Bischof antwortete: „Die Polygamie ist ein Hindernis der Häuptlinge. Sie wollen sich meist von ihren vielen Frauen nicht trennen.“ „Ach“, erwiderte lächelnd der Staatsbeamte, „ist es nur das? Die Polygamie wird ja bereits in Europa in vielen Familien faktisch praktiziert, und in 200 Jahren wird sie ganz allgemein akzeptiert sein.“
Ein „schönes“ Zukunftsbild, nicht wahr, meine geschätzten Damen! In 200 Jahren werden wir zwar nicht mehr leben, aber es wird uns doch kein Trost sein zu denken, dass Ihre Urenkelinnen, Urnichten, etwa die 20te oder 30te Frau einer dieser modernen Herren der Schöpfung sein werden. Und doch ist diese „Prophezeiung“ des Staatsmannes gewiss nicht ganz aus der Luft gegriffen. Wenn wir so fortfahren, wenn – wie ich heute in einem italienischen Blatt las – die Frauen selbst derart verblendet sind, dass auf dem eben abgehaltenen Frauen-Kongress in Mailand Vierfünftel der anwesenden Frauen für die Trennung der Ehe stimmten, dann haben wir afrikanische Zustände nicht erst in 200, vielmehr schon in 10 oder 20 Jahren. Da gibt es nur einen Weg: Benützen wir jedes Mittel, um die Religion in das Volk und vor allem in die Herzen der Kinder zu pflanzen. Ein nicht zu unterschätzendes Mittel ist das Erwecken des Missionsinteresses, das Wachrufen der Liebe zu den Missionen. Diese Liebe entfacht in uns die Liebe zum Glauben, zum klaren Bekenntnis unseres Credos.
Zu lokalen karitativen Werken kann uns auch nur natürliches Mitleid drängen. Doch um an einem Missionswerk teilzunehmen, kann nur ein überzeugter Glaube und Liebe zu den Seelen Beweggrund sein. Darum, verehrte Frauen, benützen Sie den heutigen Abend, um dieses entschiedene Credo zu bezeugen. Fassen Sie den festen Vorsatz, neben Ihren vielen guten Werken Ihr Möglichstes auch für die afrikanischen Missionen zu tun. Gott, der Herr, lässt kein Glas Wasser, in seinem Namen geschenkt, unbelohnt. Er wird Sie die Rückwirkung Ihrer Liebestat an Ihren Kindern und Kindeskindern erfahren lassen. Das gebe Gott!
Maria Theresia Ledόchowska
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Mai 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.

