Vortrag über Protestanten und Druckerei gehalten in Wien

am 1. Dezember 1898 [1]

Verehrte Versammelte!

Ein Sprichwort sagt: „Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe“. Das gilt auch für die Worte meines verehrungswürdigen Herrn Vorredners. Was ich Ihnen schon oft in schlichten Worten über unsere St.-Petrus-Claver-Sodalität erklärt habe, das hat nun er auf so beredte Weise getan. Dies möge Ihnen Ansporn sein, mit der Sodalität für die Befreiung der afrikanischen Sklaven mitzuwirken.

Zum ersten Teil des Vortrags: Die Protestanten
Um Ihren Eifer zu beleben, stelle ich Ihnen nun ein anderes, vielleicht noch wirksameres Mittel vor. Im Kreis unserer getrennten Glaubensbrüder sehen wir, was diese für die Ausbreitung ihres Glaubens in den Heidenländern tun. Lernen wir von ihnen. Gestern beklagte sich bei mir ein hoher Kirchenfürst über die Ausübung der Missionstätigkeit der Protestanten auch hier in Wien. Diese Situation ist eine um so problematischere, als sie auch auf christlicher Basis ruht. Was uns zu denken gibt sind die erstaunlichen Anstrengungen der englischen Protestanten, die ihre verschiedenen Religionssysteme in den Heidenländern ausbreiten. Diese Mitteilungen entnehme ich einem Vortrag, den der Protestant Julius Richter vor Kurzem auf einer protestantischen Missionskonferenz gehalten hat. Er führt uns auf eine kleine Missionsstudienreise und zeigt uns das in drei Abschnitten: a) Missionspredigten, b) Missionsschriften, c) Missionssammlungen.

a) Unter Missionspredigten sind jene Predigten zu verstehen, die von Zeit zu Zeit in den verschiedenen Kirchen gehalten werden, um den Eifer und das Interesse für die Heidenmissionen wach zu halten. Wir sehen, dass diesbezüglich in England Grossartiges geleistet wird. Die Hauptarbeit obliegt natürlich der Pfarrgeistlichkeit, die regelmässig solche Missionspredigten halten. Bei den Protestanten Deutschlands gibt es eine ähnliche Einrichtung, die sogenannten Missionsstunden. Eine nicht unwichtige Rolle bei diesen Vorträgen spielen die Lichtbilder-Vorführungen mit dem Projektionsapparat. Herr Richter lernte einen strengkirchlichen Geistlichen in einem der elendsten und ärmsten Vorstadt-Gemeinden in den Londoner Docks kennen. Dieser hatte Holland durchreist, um überall zu photographieren. Einige Wochen später zeigte er in seinem Studienzimmer Herrn Richter die entwickelten Fotos.

„Wozu brauchen Sie diese Bilder?“ Da holte der Geistliche ein längliches Kästchen hervor, gefüllt mit Lichtbildern auf Glas. Er hatte die selbst photographierten Bilder gleich selbst geschickt auf Glas übertragen. Dann führte er den Herr Richter in einen einfach ausgestatteten Gemeindesaal, in dem schon alles für die Projektions- Vorstellungen hergerichtet war, und die er den ganzen Winter hindurch regelmässig jede Woche durchführte. Grössten Wert legen die Engländer auf einen Missionsgottesdienst, der in jeder Kirche wenigstens jährlich einmal und zwar immer an einem Sonntag, in der Regel im Hauptgottesdienst, von einem Auswärtigen gehalten wird. Es wird immer wieder betont, dass es die gemeinsame Hauptaufgabe aller dieser Missionsgottesdienste ist, jeden einzelnen Christen und jede Gemeinde von ihrer unveräusserlichen Missionspflicht zu überzeugen. Und wir Katholiken, die wir die Missionsförderung nur so nebenbei als Wohltätigkeits-Liebhaberei, wie als „5. Rad am Wagen“ der christlichen Caritas betrachten? Lernen wir von den Protestanten!

Das alles ist erst die ordentliche Missionsarbeit und Missionspredigt. Es gibt aber noch ausserordentliche Anstrengungen, um die breite Volksschicht für die Missionstätigkeit zu gewinnen. Der gemeinsame Grundzug dieser ausserordentlichen Veranstaltungen ist, dass es nicht direkt um Geldsammlungen geht. Es kann sogar sein, dass diese Veranstaltungen wesentlich mehr kosten als sie einbringen. Es soll eben Missionsleben geweckt werden. Diese Veranstaltungen gehen von den zahlreichen englischen Missionsgesellschaften und Vereinen aus. Diese organisieren vor allem „Missionswochen“, die in der Regel nur in grossen Städten abgehalten werden. Eine ganze Woche hindurch werden täglich so viele Missionsversammlungen durchgeführt, dass alle Einwohner vom Missionseifer erfasst werden. Das Grundprogramm umfasst täglich eine Betstunde, eine biblische Besprechung, einen Abendgottesdienst und eine Nachversammlung. Zudem werden in den zwischenliegenden Sonntagen in allen Kirchen Missionspredigten gehalten. Wo es möglich ist, werden auch Kirchenschule und Privatschulen besucht, und es werden Strassenpredigten gehalten. Vielleicht findet gleichzeitig eine Missionsausstellung oder eine Serie von Projektions-Vorführungen mit Missionsvorträgen statt. Noch grossartiger und umfassender sind die sogenannten Februarsammlungen. Hier gilt es, nicht nur Bezirke, sondern ganz England von Nord bis Süd in eine Missionsgemeinde umzuwandeln. In vier Februarwochen werden mehrere 1000 Meetings (Versammlungen) gleichzeitig abgehalten. Die Vorbereitungen für dieses Riesenwerk wird auf zwei Jahre verteilt; einmal in London mit der erzbischöflichen Provinz York, das andere Mal in der erzbischöflichen Provinz Canterbury. Stellen wir uns das im katholischen Österreich vor, das in zwei Hälften geteilt ist. In zwei Jahren während des Februarmonates würden in allen Pfarreien, ja möglichst in alle Kirchen Missionspredigten und Missionssammlungen veranstaltet. So haben wir ungefähr eine Vorstellung dieser Februar-Versammlungen. Ganz besonders sucht man die Jugend oder besondere Stände in die Missionsinteressen miteinzubeziehen. Kinderversammlungen wurden mit grossem Erfolg durchgeführt; einmal waren in London 3000 Kinder beisammen. Dann gibt es Versammlungen für Gymnasiallehrer, Studenten, Seminaristen, für Sonntagsschullehrer, Soldaten und Kaufleute.

b) Nun zu dem gedruckten und geschriebenen Wort, den Missionsschriften: Die Presse ist eine Grossmacht, ganz besonders bei den praktischen Engländern. Ihr Lesebedürfnis ist grösser als unseres. Darum wachsen Auflagen der Zeitschriften bis über 200’000 Exemplare. Missionszeitschriften werden in weit grösserer Anzahl gedruckt als bei uns und in Deutschland.

  • Kinder Missionsschriften: „Childrens worlds“ werden in 56’000 und „Childrens Record“ in 73’000 Exemplaren gedruckt; das „Heidenkind“ in 24’000 Exemplaren, die „Afrika Bibliothek“ in 8’000 Kopien – in englischer Sprache. Missionsschriften für Erwachsene erscheinen meist in 70 bis 80’000 Exemplaren. Nun bestehen aber in England etwa 25 Missionsgesellschaften, von denen jede ihr Organ hat. Dagegen ist unser „Echo aus Afrika“ die einzige Schrift dieser Art, in Österreich mit nur 8’000 Abonnenten.
  • Neben regelmässigen Zeitschriften gibt es bei den protestantischen eine Menge Missionstraktate und Kurzschriften zu 5 bis 20 Pfennige. Dazu kommt eine Flut von Blättern, Blättchen, Zetteln, Karten zur Gratismassenverteilung.
    Die Fülle dieser Literatur wird in England produziert. Die Kirchenmissionsgemeinschaft gab im letzten Jahr (1897) 6,75 Millionen Blätter aus.
  • Literatur für den Missionsstand: Bücher für heranwachsende Jugend wie Missionsbiografien oder Reisebeschreibungen. Hier wird der Akzent auf das allgemeine Interesse gelegt, und die Art und Weise, diese Literatur unter die Leute zu bringen.
  • Missionsbibliotheken: Die Londoner Missionsgesellschaft hat eine solche Bibliothek in ihrem Missionshaus gegründet. Sie umfasst 1200 Bände, wovon in der Regel 800 Exemplare unterwegs sind.
  • Schulpreise: England ist bekanntlich ein Land der Prämien und Preise, wovon die Mission protestantische Mission ausgiebigen Gebrauch macht. Missionsbücher werden in den Sonntagsschulen als Prämien angeboten. Besonders prämiert wird das Missionssammelwesen, sowie Missionsexamina und beste Leistungen. Um die Tradition zu veranschaulichen, erinnere ich an das Rätsel-Schach und andere Aufgaben in unseren Zeitschriften und Kalendern, deren Lösung auch mit Preisen belohnt wird.
    Zu bemerken ist, dass die grossartigen Veröffentlichungen den protestantischen Missionsgesellschaften keinen direkten Nutzen bringen, sondern Kosten. Sie betrachten aber die von ihnen herausgegebenen Schriften als Mittel, um das Missionsinteresse im Volk zu wecken und zu erhalten. So ist der direkte materielle Gewinn Null. Überaus gross ist der indirekte Gewinn: Volkstümlichkeit der Mission. Dies bewirkt, dass bei den Protestanten jährlich viele Millionen für Missionszwecke geopfert werden.

c) Missionssammlungen – die finanzielle Seite. Erstaunen erregt die Höhe der Einkünfte der protestantischen englischen Missionsgesellschaften. Die drei Presbyterianer Kirchen Schottlands zum Beispiel brachten im Jahr 1895 3 Millionen Mark als Missionsbeiträge zusammen. Schottland aber ist ein armes Land. Im Jahr 1894 wurden nach einem Jahresbericht der englischen Kirchenzeitung für die Missionszwecke 10 Millionen Mark gespendet. Bewunderung erweckt die Höhe einzelner Missionsgaben. So konnte eine Missionsgesellschaft im Jahr 1897 von einem einzigen Legat 1 Million Mark flüssig machen. Einer anderen Missionsgesellschaft fielen im Jahr 1882 als Erbe 1,4 Millionen Mark zu. Im Jahr 1890 erhielt sie von einem Unbekannten Naturalien im Wert von 600 Tausend Mark. Thomas Morton, ein reicher Fabrikant, zahlte der Brüdermission einmal ihre Schulden im Betrag von 116’000.—Mark. Testamentarisch bestimmte er, den grösseren Teil seiner hinterlassenen 12 Millionen dieser Brüdergemeinde zufallen zu lassen. Solche Männer gehören in England nicht zu den Seltenheiten. Eine Sitte in England, die auch in ähnlicher Weise bei der St.-Petrus-Claver-Sodalität und anderen katholischen Missionsgesellschaften in Deutschland, Frankreich und Österreich Tradition haben, ist die „Adoption“ eines Missionars oder einer Missionsschwester. Viele Engländer sind stolz, einen „Missionar“ zu haben. Man übernimmt seinen ganzen Unterhalt. Er wird gleichsam als ein Glied der Familie, als einen Stellvertreter hinausgeschickt an Stelle jener, die nicht können. Im Jahr 1896 hat die Kirchenmissionsgesellschaft 80 Missionare ausgeschickt. Sieben gingen auf eigene Kosten, fünf durch koloniale Zweigstellen, 58 durch Wohltäter. Ziehen wir daraus einige Folgerungen:

Das Erste, was wir daraus lernen können, ist der Eifer. Wenn Andersgläubige sich so einsetzen, um ihre Religion weiterzugeben, wie viel grösser sollte dann unsere Sorge sein. Es ist das Testament des Herrn, es ist sein letzter Auftrag, welchen wir hiermit erfüllen. Wir sollten von Sehnsucht nach dem Heil der Seelen verzehrt werden – sei es hier, sei es in Afrika. Gerade weil hier in Europa so viele Seelen dem Verderben zueilen, ohne dass man es verhindern kann, sollten wir uns umsomehr und freudvoller auf das Missionswesen konzentrieren. Dadurch wird mit verhältnismässig geringen Anstrengungen unsererseits dem Herrn Sühne und Genugtuung geleistet, und im Himmel wird Freude sein. Sagen wir nicht „die drüben gehen uns nichts an“ – wir müssten uns sonst vor den Protestanten schämen.

Das Zweite, was wir von den grosszügigen Spendern, erlernen können, sind Selbstlosigkeit und Grossmut. Wer eine Missionsgabe schenkt, schenkt sie Gott. Wer ein Kind taufen oder aus der Sklaverei loskaufen lässt, der zieht auf seine eigenen Kinder den Segen Gottes. Wer einen Missionar, eine Missionsschwester „adoptiert“, nimmt auf besondere Weise teil an den Mühen, Arbeiten, an der Tapferkeit dieser Glaubensboten; ja, er kann geistig selbst an deren Martyrium teilnehmen. Alles Gelegenheiten, von Gott Barmherzigkeit für unsere Sünden zu erlangen. Wer sein Geld Missionszwecken schenkt und die enormen Missionsschulden zu tilgen hilft, wird selbst zum Missionar. Welch tröstender Augenblick in der Sterbestunde! Hier muss ich dem Einwand gegen die Missionsalmosen begegnen. Da hört man: „Wir brauchen das Geld im Lande selbst.“ Stimmt, denn überall ist Not. Doch nicht alles Geld, das für die Missionen gespendet wird, fliesst ins Ausland. Alles, was wir in die Missionen schicken wie Paramente, Kirchengegenstände usw. beziehen wir im Land selbst. Auch die Missionare müssen mit dem Geld, das man ihnen schickt, viele Dinge, besonders manche Nahrungsmittel aus Europa beziehen. Manche, wie die Jesuiten, lassen sich von uns das Geld gar nicht schicken, es dient zur Begleichung der Rechnungen. Das Missionsgeld bleibt also vielfach im Land und die Waren, die man hinausschickt, dienen nur dazu, dem heimatlichen Gewerbe Achtung zu verschaffen. Betrachten wir das Missionsalmosen im Licht des Glaubens, dann dürfen wir überzeugt sein, dass die materielle Not im Land dadurch nicht zunehmen wird. Gerade weil wir arm sind, müssen wir auswärts geben. „Gebt, so wird Euch gegeben werden“ (Lk 6, 38). Der Wohltätigkeitssinn der Reichen muss immer mehr entwickelt und auf das Missionswerk hingeführt werden. So werden alle, arm und reich, für die Mission begeistert. Glaube und Liebe werden so in uns gestärkt. Opfersinn einerseits, Zufriedenheit und Ergebung in die Vorsehung anderseits, werden die Früchte unserer Missionsgabe sein.

Nun komme ich zum Wichtigsten meiner Ausführungen. Es betrifft die mangelnde Kenntnis des Missionswerkes. Das erfordert eine eigene Werbegsgesellschaft. Dazu bedürfen die Katholiken des Eifers und der Toleranz, um nach dem Beispiel der Protestanten gezielte Missionswerbung zu betreiben. Genau hier springt die St.-Petrus-Claver-Sodalität mit ihren Missionsschriften, welche die Missionsidee ins

Volk tragen, ein. Diese Schriften wollen Animationsmittel sein. Sie selbst sind keine Einnahmequelle, doch der indirekte Nutzen ist unbestritten. Ich weise nur auf die 55 Tausend Florin Missionsspenden hin, die im verflossenen Jahr durch unser „Echo aus Afrika“ eingingen. Es handelt sich also darum, diese Schriften möglichst zahlreich in vielen Sprachen und zu billigstem Preis herzustellen.

Zum zweiten Teil des Vortrags: Die Druckerei
Um dieses Ziel zu erreichen, hat die St.-Petrus-Claver-Sodalität schon vor Jahren die Gründung einer eigenen Druckerei angestrebt. Dieses Projekt ist nun Wirklichkeit geworden. Mit ihrer eigenen Druckerei hat sie nun für ihre Werbung das richtige Heft in der Hand. Wenn heute die Presse eine Grossmacht ist, so ist jedenfalls jener, der eine eigene unabhängige Druckerei zur Herstellung der Presserzeugnisse besitzt, der Grossmächtigste. (Man strebt eine freie Universität an; ich würde raten, auch eine freie Druckerei für religiöse und politische Zwecke anzustreben.) Den weltlichen Druckereien soll die Druckerei der St.-Petrus-Claver- Sodalität als eine echt missionarische entgegenwirken. Denn jede in dieser Druckerei herausgegebene Schrift wird selbst zum Missionar. Sie macht die Missionsidee beliebt und die Herzen für die Ärmsten sensibel.

Es ist wohl überflüssig, verehrte Anwesende, Sie von der Tragweite, von der Schönheit dieses Unternehmens zu überzeugen. Sie verstehen, wie vieles eine derartige apostolische Druckerei zur grösseren Ehre Gottes und zum Heil der Seelen beitragen kann. Ein glaubhaftes Zeichen, dass die Druckerei der St.-Petrus- Claver-Sodalität ein ganz besonderes Werk Gottes ist, beweist der Hass der Gegner auf sie. Deshalb ein Wort darüber. Seit ungefähr einem Jahr, als ich ernstlich an die Realisierung des Druckerei-Planes schritt, ist ein wahrer erbitterter Kampf von Seiten der Glaubensfeinde gegen die Sodalität und meine Person geführt worden. Nur durch die besondere Hilfe Gottes gelang es uns, im verflossenen Sommer (1897) endlich die Konzession von Seiten der Regierung für unsere Druckerei zu erhalten. (Wen die Geschichte der Konzession näher interessiert, den weise ich auf das heute verteilte Probeblatt hin.) Nun aber wurden die Widersacher erst recht auf den Plan gerufen. Was nämlich seither in den liberalen und sozialdemokratischen Blättern Österreichs und auch Deutschlands über uns geschrieben und gescholten wurde, das fasst eine ganze Literatur. Ich will Sie von dieser „Literatur“ verschonen, liebe Anwesende. Nur so viel dazu: Die Herren haben eine hervorragende Reklame für uns gemacht. Zum Glück bin ich nicht der Ministerpräsident und brauche deshalb nicht die Interpellation zu beantworten, die am 29. September 1897 an ihn wegen unserer Druckerei gerichtet wurde. Demnach sei es mir erlaubt, zum Schluss drei Fragen betreffend unserer Druckerei hier kurz zu behandeln, damit Sie verehrte Zuhörer, antworten können, wenn Sie unter dem Schlagwort „Klerikale Gewerbefreundlichkeit“ über unsere Druckerei wettern hören.

Ist unsere Druckerei wirklich so gemeinschädlich?

Bringt sie nicht im Gegenteil dem Lande Nutzen?

Ist jener ein Gimpel, der dieses apostolische Werk unterstützt?

Zum ersten Argument, was die vermeintliche „Schädigung“ des Buchdrucker- Gewerbes durch unsere Missionsdruckerei betrifft: Ich mache aufmerksam, dass es sich nicht um eine unbeschränkte Konzession einer gewöhnlichen Druckerei zum Zweck von Erwerb handelt, sondern um eine, in der nur unsere Missionsschriften und die von den Missionaren in den afrikanischen Sprachen herausgegebenen Bücher und Schriften gedruckt werden. Hauptsächlich soll die Druckerei der Missionswerbung dienen. Es werden in ihr Schriften und Flugblätter herauskommen, deren Druck sonst überhaupt nicht erfolgen würde. Es handelt sich also gar nicht darum, irgendeinem Buchdrucker den Erwerb wegzuschnappen, sondern darum, dass eben mehr und kostenlos im Rahmen unseres apostolischen Zieles gedruckt werde. Von Schaden könnte jene Druckerei reden, die bisher das
„Echo aus Afrika“ im Auftrag besorgte. Doch diese ist so sehr mit Arbeit überhäuft, dass sie unsere Kundschaft nicht vermisst. Übrigens „Gleiches Recht für Alle.“ Selbst wenn unsere Missionsdruckerei auf Erwerb ausginge, wenn wir aber – wie es geschehen ist – allen gesetzlichen Anforderungen genügten, warum gälte für ein religiöses Institut nicht das gleiche Recht wie jedem anderen Steuerzahler?

Zum zweiten Argument, wenn unsere Missionsdruckerei nicht gemeinschädlich wäre, so hätte das Land keinen Nutzen. Vorteil hätten nur die Afrikaner, und die stünden uns fern, wird begründet. Gar nicht! Ich wage zu behaupten, dass die Missionsdruckerei in Maria Sorg dem Land selbst von grösstem, ja, doppeltem Nutzen sein wird. Es wurde dies schon früher angedeutet, als ich vom Vorteil der Missionsspenden sprach.

Einen materiellen Nutzen: Das Druckereigebäude musste aufgebaut werden. Den ganzen Sommer bis heute in den Winter hinein haben Bauleute, Tischler, Schreiner, Schlosser, Spengler aus Salzburg und Umgebung bei uns Arbeit gefunden. Die Druckerei wird zwar von Mitgliedern der Sodalität selbst betrieben, die zum Teil anreisen. Aber das verlangt Infrastruktur. Woher bezieht die St.-Petrus-Claver-Sodalität ihren Bedarf für das sich mehrende Personal? Wohl aus dem eigenen Land. Fazit: Je mehr sie sich ausbreitet, desto mehr gewinnt das Land. Hätten wir infolge der unaufhörlichen Schikanen Salzburg und ganz Österreich den Rücken gekehrt und zum Beispiel in der Schweiz unsere Druckerei etabliert, die Salzburger hätten gewiss nur dabei verloren.

Einen moralischen Nutzen: Für diesen Aspekt haben freilich unsere Gegner aus dem liberalen Lager kein Verständnis. Werden denn unsere gedruckten Schriften von den Schwarzen oder von den Weissen gelesen? Gerade diese Missionsschriften sind so recht dazu angetan, das Volk in seinem Glauben zu bestärken und die Gnade des Glaubens recht lebhaft spüren zu lassen. Wo heute das Volk mit sozialdemokratischen und protestantischen Schriften förmlich überschwemmt wird, ist es doch sinnvoll, wenn auch katholischerseits – sei es auch nur im Interesse der Heidenmissionen – eine solche Überschwemmung stattfinden kann. Der Bauer, der Handwerker, der unsere Schriften abonniert, dem bleibt weder Geld noch Zeit, schlechte Schriften zu lesen. Damit ist schon viel für das Land gewonnen. Noch mehr: Wir haben bei unserer apostolischen Druckerei einen doppelten Zweck im Auge. Wir wollen auch den Missionaren zur Herausgabe ihrer Afrikabücher behilflich sein. Eben ist aus dem Gebiet Zambesi (heute Sambesi) von einem Jesuitenpater die erste diesbezügliche Bestellung eingetroffen. Hoffentlich werden mit der Zeit weitere von uns hergestellte Bücher in alle Gegenden Afrikas wandern.

Die Missionen in den deutschen, französischen und englischen Kolonien werden österreichische Druckarten unter die Afrikaner bringen. So wird gerade das Gegenteil in Afrika von dem geschehen, was in vieler Hinsicht in Europa vorkommt: Wir werden die Ersten sein, statt so oft die Letzten. Unsere kleine Missionsdruckerei in Maria Sorg wird Österreichs Ansehen und Ruhm über ganz Afrika ausbreiten.
Die englische Bibelgesellschaft hat in diesem Jahrhundert 151 Millionen Bibeln in verschiedenen Sprachen drucken lassen. Die Organe der Gesellschaft sagen, diese allgemeine Verbreitung sei eine der Gründe der Machtstellung Englands in der Welt. Wer weiss, ob unsere Druckerei in Maria Sorg nicht noch einmal für Österreich einen kolonialen Weg bahnt?

Zum dritten und letzten Argument: Ob jener – wie die „Münchner Neuesten Nachrichten“ behaupten – ein Gimpel sei, der meinem Appell folgt, ein Scherflein zur Errichtung dieses apostolischen Werkes beizutragen? Ich glaube, liebe Freunde, diese Frage lösen Sie durch Ihre Tat am besten selbst. Bedenken Sie, dass diese Druckerei unseren christlichen Grundsätzen zum grössten Nutzen sein wird und somit unserem Österreich zur Ehre gereicht. So vielen Afrikanern werden wir den Weg zum Himmel bahnen, als sich Druckbuchstaben in unseren Setzkästchen befinden,. Wer wollte an dieser Ernte nicht teilnehmen?

Helfen Sie uns bitte, wo nur Gelegenheit ist, diese Druckerei durch ein mutiges Wort zu verteidigen. Ihr Interesse am Unternehmen und Ihr Abonnement auf unsere Schriften sowie Ihre Spende stärkt der Sodalität den Rücken. Es bleibt noch, dass sich junge Frauen gänzlich dem Werk zur Verfügung stellen können, indem sie in unsere Kongregation eintreten, was allerdings Eignung zum Ordensleben voraussetzt. Die Ernte ist gross, aber der Arbeiter bzw. Arbeiterinnen sind wenige (vgl. Lk 10,2). Jede und jeder folge dem heiligen Geist und dem Schutzengel. Tun auch Sie es in der Überzeugung, dass dadurch ein von der Vorsehung geleitetes Werk den Segen Gottes auf unser armes schwergeprüftes Kaiserhaus herabziehen kann. Es geht um ein Werk, das keinem katholischen Verein schaden kann, aber allen nutzen soll, gemäss dem Motto „Dem Kaiser zum Nutz, dem Teufel zum Trutz“. Vielleicht ist unsere Missionsdruckerei die Anregung zu anderen freien katholischen Druckereien auf anderem Gebiet. Wir wünschen es und Gott möge es fügen.

Weil unsere Druckerei im Jubiläumsjahr entstanden ist und wir heute am Vorabend dieses grossen Erinnerungstages uns dankbar bewusst werden, wollen Sie doch Ihre heutige Spende für die Druckerei als Anruf Gottes sehen. Ich bitte vor allem, schlagen Sie diesen Anruf nicht aus. Spenden von 10, 50 und 100 Florin werden mit einem Empfangsschein quittiert, dem ich die Form eines Wertpapiers gebe. Ich will damit andeuten, dass eine solche Spende auch eine Kapitalanlage ist, und zwar die allersicherste. Auch deshalb bin ich als „Schwindlerin“ gezeichnet, aber unserem Herrn ging es nicht besser.

Verehrte Anwesende, wenn Ihre Mittel es erlauben, kaufen Sie ein solches „Wertpapier“. Ich rate es Ihnen zu Ihrem eigenen Interesse. Wenn der hl. Rupertus mit seiner These Recht hat, wir würden nur das als unseren Besitz im Himmel wiederfinden, was wir den Armen gegeben haben, so seien Sie überzeugt, auch diese „Wertpapiere“ im Himmel wiederzufinden. Eine andere Art, dieser apostolischen Druckerei sein Scherflein beizutragen, steht Ihnen offen, ohne dass Sie für den Augenblick etwas entbehren müssen: Durch Schenkung eines Kapitals zu Lebzeiten, während die Zinsen bis zum Tod ausbezahlt werden können. Auch damit wäre uns bei der Errichtung der Druckerei, die grosse Summen fordert, sehr geholfen. Wer mit einem namhaften Betrag an dieser Druckerei teilnimmt, dessen Name wird in eine hängende Wandtafel eingraviert als bleibendes Gebetsandenken in der Kapelle von Maria Sorg. Viele Gebete für die Wohltäter dieser kirchlichen Druckerei werden zum Himmel steigen seitens der Sodalität, der Missionare und Missionsschwestern, ja, seitens unzähliger Afrikaner, für die diese Druckerei der Schlüssel zum Paradies geworden ist.

Liebe Freunde, ein letztes Wort: Sie wissen nun, welche Tätigkeit die Protestanten auf dem Gebiet der Werbung entwickeln. Sie haben erkannt, wie weit wir Katholiken zurückstehen und deshalb im Missionswesen so wenig geschehen ist. Doch freuen Sie sich mit mir, dass die göttliche Vorsehung eine Missions-Gesellschaft ins Leben rief durch die St.-Petrus-Claver-Sodalität, die mit ihrer neugegründeten Druckerei wenigstens in dieser Hinsicht mit den Protestanten den Wettstreit aufnehmen will. Ihre Gabe für die Druckerei steht unter dem Motto „Dem Kaiser zum Nutz, dem Teufel zum Trutz!

Maria Theresia Ledόchowska



[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Oktober 2008 ins heutige Deutsch überarbeitet.