Wichtigkeit des Missionswerkes im Allgemeinen und im Besonderen in Afrika
Ansprache von Maria Theresia Ledόchowska gehalten in Wien
März 1913 [1]
Meine lieben Damen!
Mit grosser Freude kann ich heute einige Worte an Sie richten, wofür ich Ihren verehrten Vorstandmitgliedern herzlich danke.
Die Wichtigkeit des Missionswerkes im Allgemeinen. Es ist meine Lebensaufgabe und die der Gesellschaft, der ich angehöre, das Missionsinteresse immer mehr zu wecken und in möglichst vielen Herzen aufleben zu lassen. Gerade die Jugend mit ihrer Einfühlungsgabe ist empfänglich dafür. Und doch gibt es viele Menschen, junge und alte, selbst gläubige Katholiken, die vom Missionswerk keine rechte Auffassung haben. Daraus folgt eine mangelhafte ungenügende Missions- Unterstützung, und demnach eine Verzögerung der Heidenbekehrung. Um das richtige Verständnis der Notwendigkeit, ja der Pflicht gegenüber dem Missionswerk zu finden, existiert ein sehr bewährtes Werkzeug, das leider viele Christen wie ein abgetragenes Möbel unbeachtet in der Rumpelkammer stehen lassen. Greifen wir zum Katechismus, und wir werden die Wahrheiten entdecken, wo das Missionswerk seinen Ursprung hat.
Was ist denn der Zweck der Schöpfung, der Menschwerdung Gottes, der Stiftung der Kirche? Wozu sind wir alle zusammen da? Der Zweck der Schöpfung ist die Ehre Gottes und die Glückseligkeit der Menschen. Zweck der Menschwerdung Gottes ist unsere Erlösung, die Wiederherstellung der Ehre Gottes und dadurch die Wiedererlangung des verlorenen Glückes, der Kindschaft Gottes. Zweck der Kirche ist auch die Ehre Gottes und das Glück des Geschöpfes. Die Kirche ist zu nichts anderem gestiftet, als uns zu unterweisen, wie wir Gott ehren und dienen sollen und dabei ewig glücklich werden können. Dieser doppelte Zweck – die Ehre Gottes und das Heil der Seelen – war denn auch das einzige Motiv, das unseren Herrn leitete, als Er vor seiner Himmelfahrt den Apostel den Befehl gab: „Gehet hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15). Damit wird Gott überall die Ehre gegeben und alle Menschen können zur Erkenntnis Gottes gelangen und glücklich werden.
Meine verehrten Damen, verstehen Sie nun die Bedeutsamkeit des Missionswerks? Ohne dieses gibt es keine Erfüllung des doppelten Zweckes: Ehre Gottes und Heil der Menschen, des ausdrücklichen Befehls des Herrn vor seinem Heimgang. Der Vorwurf „Wir haben ja selbst hier Heiden zu bekehren“ ist haltlos. Jene, die so sprechen, laufen Gefahr, dass sie das Wohl der Menschen der Ehre Gottes vorziehen. Die Ehre Gottes muss in der ganzen Welt verbreitet werden, nicht nur in der Heimat. Erst dann folgen die Geschöpfe mit ihrem Glück und Heil. Wir sind Gottes wegen da und nicht Gott unseretwegen.
Die Wichtigkeit des Missionswerkes im Besonderen in Afrika. Zu den fünf Erdteilen gehört Afrika. In dessen innerstes Herz sind die Verkünder des Evangeliums erst in letzter Zeit eingezogen, um den Afrikanern die Frohe Botschaft zu bringen. Denn auch sie sind berufen, zur Ehre Gottes und zu ihrem Heil zu wirken.
Afrika, dreimal so gross wie Europa, litt am längsten unter der Barbarei und dem Götzendienst. In diesem Jahrhundert wird das Los über den Schwarzen Kontinent fallen. Das ruft die Katholiken zur Pflicht, denn in Afrika verfallen jährlich Hunderttausende, vielleicht Millionen dem Islam, der sich dort eingepflanzt hat. Für das Christentum sind sie dann verloren. Die Protestanten sind unermüdlich, die unwissenden Afrikaner für ihre Religion zu gewinnen. So ziehen Unglaube und Irrlehre mit Riesenschritten ein. Darum ist das Missionswerk für Afrika bei uns Katholiken enorm relevant, ja, von grösster Tragweite. Noch einen Grund haben wir, meine lieben Damen, uns für die Bekehrung Afrikas ganz speziell zu interessieren. Er berührt uns Frauen im Besondern, was uns zu werktätigem Mitleid bewegen muss.
In Afrika herrschte, wie Sie wissen, der menschenunwürdigste Sklavenhandel. Dieser ist durch die europäischen Mächte offiziell verboten und findet in der Tat in vielen Gegenden Afrikas nicht mehr statt. Während aber die Männer und Knaben frei sind, seufzt die Frau, das Mädchen unter einem Zustand, das der härtesten Sklaverei gleich kommt. Kleine Mädchen, noch kaum auf den Füssen gehend oder noch unmündig, werden verlobt oder verkauft. Solange sie in der Familie weilen, erhält der gewinnsüchtige Vater von seinem zukünftigen Schwiegersohn oder dessen Vater ununterbrochen Zahlungsmittel für seine Tochter: Stoffe, Salz, Ziegen, usw., bis zum Zeitpunkt, in dem das Mädchen in das Ehejoch, sprich Sklavenjoch, eintritt. Wenn auch nicht wie ein Stück Vieh auf öffentlichem Markt verkauft, ist es dennoch ein Kauf. Und was für ein Los erwartet das Mädchen seitens seines Eheherrn bzw. seines Käufers! Meine lieben Damen, ziehen wir einen Schleier über diese traurigen Zustände. Es genügt zu sagen, dass die afrikanische Frau von ihrem Mann mit Geringschätzung behandelt wird, besonders bei den islamischen Völkern. Er will der Frau die Fähigkeit abstreiten, ein vernunftbegabtes Wesen zu sein, und er besitzt sie – gleich Tieren – als Objekt seiner Lust und Launen. Wie sehr solche Zustände die Bekehrung der Mädchen und Frauen zum Christentum behindern, ist leicht denkbar. Einem christlichen Mädchen wird das Gebet unmöglich, sobald es einem Heiden verehelicht, bzw. verkauft wird. Der Einfluss der Missionare, das Mädchen zurück zu kaufen, d.h., dem künftigen Schwiegersohn die erhaltenen Gegenstände zurückzugeben, ist fast unmöglich, da der Vater den Kaufpreis längst aufgebraucht hat und arm wie früher ist. Nur der Missionar kann in solchen Fällen eingreifen, indem er die nötige Kaufsumme bezahlt, und so dem unglücklichen Mädchen die Freiheit des Leibes und der Seele zurück gibt. Mir schrieb neulich ein Missionar vom Nyanza-See in Innerafrika, er kenne drei arme Mädchen von 15, 14 und 8 Jahren, die bereits seit langem von einem Katechisten in der katholischen Religion unterrichtet wurden und sehnlichst nach der Taufe verlangten. Sie wurden aber mit Gewalt dem für sie bestimmten Ehemann zugeführt. Nun warten diese „Verkauften“, bis sich eine grossmütige Seele ihrer erbarmt und dem Käufer die für sie hinterlegten Güter zurückerstattet. Solche Fälle wiederholen sich. Wie muss da den Missionaren das Herz bluten, wenn ihnen die verfügbaren Mitel zu solchen Werken der Barmherzigkeit fehlen!
Meine lieben Damen, ist dieser erbarmungswürdige Zustand der armen Mädchen in Afrika für uns nicht ein dringender Grund, das Missionswerk in Afrika zu fördern und so deren Los zu erleichtern oder zu beseitigen? Jung und klein ist kein Hindernis, die Missionare in Afrika zu unterstützen, zumal es um ein zeitliches und ewiges Glück geht. Das Missionsinteresse und die Missionshilfe sind weder an unser Körpergewicht, noch an unsere Leibeslänge, noch an der Zahl unserer Jahre geknüpft. Keine von Ihnen ist zu klein oder zu jung, um nicht etwas für die Missionen tun zu können. Ich kenne Mädchen und Knaben von 12, 10 und 8 Jahren, die durch ihren erfinderischen Eifer und ihr Missionsverständnis manchen Erwachsenen beschämen können. Ihnen bleibt zu tun:
1. Beten. Es braucht viel Gebet, bis das Licht in die tiefste Finsternis des Heidentums und der Barbarei in Afrika hineinleuchtet. Das Gebet reiner Seelen hat eine besondere Kraft. Sie beten vielleicht um nebensächliche Dinge, um schönes Wetter, um gutes Gelingen einer schweren Aufgabe. Das ist in Ordnung. Doch verdienstvoller ist das Gebet für Andere und besonders für Ihre Schwestern in Afrika. Wie, wenn Sie sich täglich zu einem Ave oder gar zu einem Rosenkranz-Gesetzlein für die Afrikaner verpflichten würden? Sie könnten für diese Benachteiligten einmal im Monat die Kommunion aufopfern, damit auch diese bald die Begegnung mit dem Herrn erfahren. Doch zum Gebet gehört auch die Tat.
2. Sie können dafür sorgen, dass die Missionsliebe in Ihrem Herzen nicht erlöscht, vielmehr zunimmt. Eine Pflanze ohne Wasser verdorrt. Das wirksamste Mittel, die Missionsliebe in uns wach zu halten, ist die Missionslektüre. Da gibt es das „Negerkind“, das ausschliesslich vom Wirken der Missionare und vom Schicksal der Afrikaner und deren Kinder erzählt. Diese kleine Missionszeitschrift kostet 1 Krone im Jahr und erscheint monatlich. Sie kommt heraus bei der St.-Petrus-Claver-Sodalität, der Gesellschaft, der ich angehöre.
Meine lieben Damen, es wäre eine verdienstvolle Tat, wenn Sie sich – nebst einer vielleicht bereits abonnierten Missionszeitschrift – auch für das „Negerkind“ entschliessen könnten. Ein wenig Zeit (zum Lesen), ein kleiner Verzicht (Taschengeld) zugunsten eines andern – und schon ist einem Schwesterchen in Afrika geholfen. Ferner können Sie mittelst Ihrer Zeitschrift das Missionsinteresse auch bei anderen beleben. Sie erhalten nach dem Vortrag ein Probeheft des „Negerkindes“, das Ihnen von A bis Z interessanten Stoff bietet, auch für Ihre Lieben. Bei dieser Gelegenheit steht Ihnen auch unser afrikanisches Museum zur Verfügung. Der Eintritt ist frei. Die hässlichen Holzfratzen, die Sie dort betrachten und die die Afrikaner anbeten, werden Sie nachdenklich stimmen.
3. Ferner können Sie den Missionen ein Geschenk zuführen ohne Griff in die Kasse. Zu Weihnachten, Ostern, zum Namenstag erhalten Sie mit Staniol eingepackte Schokolade geschenkt. Mit dem gesammelten Staniol, das Sie mir in Menge schicken, können wir viel Geld flüssig machen zugunsten von Taufen afrikanischer Mädchen. Das gleiche gilt von Briefmarken, obwohl es hier ein sehr bedeutendes Quantum für eine nur kleine Geldsumme braucht.
Dies sind einige Winke, meine Damen, wie auch am Missionswerk in Afrika leicht teilnehmen könnten. Es gibt aber noch eine andere, weit höhere Art, an der Bekehrung Afrikas mitzuwirken. Auch diese möchte ich wenigstens streifen. Für Sie alle, meine jungen Damen, wird ja früher oder später die Berufsfrage aktuell, und vielleicht beschäftigen Sie sich gerade jetzt damit. Wenn der liebe Gott dem Menschen seinen freien Willen lässt, so gilt das auch in der Wahl des Berufes. Doch ungeachtet dieser freien Willensbestimmung hat die göttliche Vorsehung die Hand im Spiel, die das Geschöpf zum Himmel führt. Und der gläubige Katholik stellt sich die Frage nach dem von Gott bestimmten Beruf. Meine Lieben, nichts wird so leichtsinnig angegangen, selbst in gläubigen Familien, wie die Berufswahl. Irdische Vorteile, eine sichere Existenz, eine sinnliche Liebe sind oft bestimmende Faktoren. Der Ruf Gottes bleibt dabei unbeachtet. In der Anmassung, Gott soll sich nach uns richten, verpassen viele den Weg zum Himmel. Es ist nicht schwer, den für uns bestimmten Beruf zu erkennen. Während aber der liebe Gott bei einer säkularen Standeswahl meist undeutlich, gleichsam verhüllt seinen Willen äussert, zeigt er bei einem geistlichen Beruf deutlicher den Weg seiner Nachfolge. Deshalb ist deren Verantwortung grösser. So war es bei der Gründung der Kirche und so wird es zu allen Zeiten sein. Nicht „Willst du mir nachfolgen?“, wohl aber „Folge mir nach“ (Mt 4, 18-22) sagt Jesus zu Petrus, der eben mit seinem Bruder die Netze ausbesserte. Und beide verlassen alles was sie haben und folgen dem Befehl des Herrn. Matthäus sitzt am Wechseltisch und zählt Geld. „Folge mir nach“ (Mt 9,9) sagt der Heiland wieder. Und sofort verlässt Matthäus seinen Wechseltisch. Er sagt „Ja“ zu seiner neuen Berufung. Der Herr hätte ihm Zeit lassen können, sein Geld fertig zu zählen, doch Er braucht ihn jetzt. Er hat ihn berufen, ein Mitglied des Apostelkollegiums zu werden. Ein solches Amt wählt man sich nicht selbst, dazu wird man ausgewählt. Wenn der Herr uns in ein bestimmtes Arbeitsfeld ruft, gibt Er uns mit der Gnade der Auserwählung eine besondere Eignung für diese Berufung. Wer sich für ein tätiges Leben eignet, passt in kein beschauliches Kloster, wer zum Lehrberuf bestimmt ist, taugt nicht für die Krankenpflege und umgekehrt. Der zum Missionsdienst Erwählte kann diesen Dienst auf zweierlei Art ausüben: unmittelbar oder mittelbar. Unmittelbar übt ihn die Frau aus als Missionsschwester, die nach Afrika zieht, um dem Missionar behilflich zu sein, besonders in der Erziehung der Jugend. Diese Berufung setzt ganz besondere Eigenschaften voraus und verlangt Opfer, die ohne den besonderen Gnadenbeistand nicht zu meistern sind. Man prüfe sich also gut. Ist keine echte Berufung zur Missionsschwester vorhanden, stellt sich bald Unzufriedenheit, Traurigkeit, Erschlaffung ein, und die Missionsschwester wird eher Last als Hilfe. Heute melden sich so Viele als Missionsschwestern, dass es bald nicht mehr an ihnen, vielmehr an Geld fehlt, sie zu erhalten.
Mittelbar, leichter und sicherer für die Missionen zu arbeiten ist der Eintritt in das religiöse Institut der St-.Petrus-Claver-Sodalität als „Hilfsmissionarin“ für Afrika. Diese Sodalinnen, die „Hilfsmissionarinnen“, deren Regeln bereits im Jahr 1910 vom Hl. Vater (Pius X.) endgültig approbiert wurden, legen die Ordensgelübde ab, wie die Missionsschwestern. Sie gehen aber nicht nach Afrika, sondern bleiben in Europa. Durch Herausgabe von Zeit- und Flugschriften in verschiedenen Sprachen beleben sie bei den Katholiken das Missionsinteresse und beschaffen so das nötige Geld für die Missionare und Missionsschwestern in Afrika. Diese sind auf die Hilfsmissionarinnen angewiesen wie der Soldat am Schlachtfeld auf die Munition. Ohne Waffen schlägt man keine Schlacht, ohne Geld gibt es keine Missionstätigkeit.
Der Beruf einer Hilfsmissionarin entspringt weniger der Fantasie als der einer Missionsschwester. Für das Missionswerk in Afrika ist er aber ebenso notwendig und daher gewiss auch verdienstlich. Hier kommt die Demut noch mehr zum Zug, denn an Gelegenheit zur Selbstverleugnung wird es nicht fehlen. Nebst der Voraussetzung zum Ordensberuf lassen einige praktische Fähigkeiten erkennen, ob eine Hilfsmissionarin den Anforderungen entspricht. Gefragt sind Sprachtalente und Neigung zum Rechnen oder Schreiben. Junge Frauen, die eine solche Begabung besitzen, finden ein ideales Arbeitsfeld mit optimalen Bedingungen in der St.-Petrus- Claver-Sodalität. Damit nutzen sie ihre Talente zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen ohne Afrika-Aufenthalt. So viel über den zweifachen Beruf im Dienste der Missionen.
Meine Lieben, lassen Sie mich nur noch herzlichst danken für Ihre Geduld, mit der Sie mir so lange zuhörten. Ich bitte Sie, meine Worte nicht gleich in den Wind zu schlagen. Lieben Sie die Missionen, lesen Sie über die Missionen, verzichten Sie hie und da auf eine Kleinigkeit, und bleiben Sie den Missionen auch als Erwachsene treu. Das sind keine Kirchengebote, vielmehr Imperative des Herzens, die ich Ihnen heute nahe legte. Sollte man Sie in Ihrem Kreis oder in der Familie von den Missionen ablenken, zum Beispiel mit dem Einwand, in Wien gäbe es genug Elend und es sei deshalb zunächst hier zu sorgen, dann antworten Sie beherzt: „Ich will beides tun, soweit meine Kräfte reichen, weil beides wichtig ist, d.h. ich will auch die armen Frauen und Mädchen in Afrika nicht vergessen. Ich will „das Eine tun und das Andere nicht lassen“.
Maria Theresia Ledόchowska
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Mai 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.
[2] Johannes Maria Vianney (1786-1859), Heiligsprechung 1925. Bekannt als „Pfarrer von Ars“, wo er segensreiches, weit ausstrahlendes Wirken entfaltete.
[3] Petrus Faber, sel. (geb. 1506 zu Villaret/Savoyen, gest. 1546 zu Rom), erster Gefährte des hl. Ignatius von Loyola in Paris, wirkte als erster Jesuit in Deutschland und gewann den hl. Petrus Kanisius.
Seligsprechung 1872.

