Vortrag Gehalten in München

im März 1901 [1]

Eure Königlichen Hoheiten, verehrte Anwesende!

Erlauben Sie mir nach zwei so ausgezeichneten und interessanten Vorträgen programmmässig noch ein Schlusswort beizufügen. Dies aus einem doppelten Grund: Erstens, um dadurch viele meiner eifrigen Förderinnen und Förderer nach Jahresfrist begrüssen und ihnen für ihren unermüdlichen Eifer danken zu können. Zweitens auch, um zu ihrer Ermutigung mit Ihnen einen Blick in die Vergangenheit und Zukunft zu werfen. Warum diesen Blick? Er wird Ihnen darlegen, was eben Monsignore Baumgarten ausführlich sagte: Die St.-Petrus-Claver-Sodalität gibt sich unverdrossen und unbeirrt einer rastlosen Propaganda hin zugunsten Hilfsbedürftiger afrikanischen Missionen in Deutschland, Österreich, in Frankreich, Italien und in der Schweiz. In all diesen Ländern hat diese Sodalität im verflossenen Jahr eifrig die Werbetrommel gerührt zum Vorteil der armen Schwarzen und der tapferen Missionare.

Beginnen wir mit dem Blick auf Paris. Hier fand im August vergangenen Jahres ein grosser Antisklaverei-Kongress statt, welcher der Sodalität Gelegenheit zu eifriger Werbung gab. Im Weltausstellungsbezirk, in dem für Kongresse eigens erbauten Palais des Congrès, fand ein Vortrag über unser Werk statt, der ihm in Frankreich eigentlich erst Tür und Tor öffnete. Seine Eminenz Kardinal Perrand und Monseigneur Le Roy, Generaloberer der Väter vom Hl. Geist, sprachen in den feierlichsten Worten über die Sodalität. Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin d’Eu, trat am Ende des Kongresses als Förderin dem Werk bei und versprach uns ihre volle Mitwirkung. In der Schweiz wurden im Laufe des Monats August drei Abgabestellen der Sodalität errichtet: in Luzern, Solothurn und in Schwyz. Auch im Elsass erwies sich der Boden für eine spätere Tätigkeit als sehr günstig. Die Bischöfe von Basel- Lugano [2] und Strassburg zögerten keinen Augenblick, die General-Statuten der Sodalität zu genehmigen. Nach der Schweiz folgte Italien. Schon vor zwei Jahren hatte Seine Eminenz Kardinal Giuseppe Sarto, Patriarch von Venedig, den Wunsch ausgedrückt, dass die St.-Petrus-Claver-Sodalität in seiner Diözese Sitz nehme, wozu er mich eingeladen hatte, nach Venedig zu kommen, um Näheres über das Werk zu berichten. Dies wurde mir im Spätherbst vergangenen Jahres möglich. Darauf genehmigte Seine Eminenz unsere General-Statuten umgehend. Die erste italienische Ausgabestelle der Sodalität wurde in Padua eröffnet. Eine schöne Fügung, wenn man weiss, dass der hl. Antonius von Padua selbst in Afrika gewesn und noch immer durch das „Antonius-Brot für Afrika“ seine Vorliebe für die Afrikaner bezeugt. In unseren Filialen Wien und Breslau wurden im letzten Spätherbst Missions-Paramenten-Ausstellungen durchgeführt. In Breslau organisierte die Sodalität zudem einen gut besuchten Missionsvortrag, gehalten von Hochwürden P. Amadus Acker. Doch die grösste Werbe-Veranstaltung unserer Sodalität am Ende des XIX. Jahrhunderts war wohl der dreitägige l. österreichische Antisklaverei- Kongress in Wien im letzten November. Wir nannten ihn deshalb „österreichisch“, weil er eben innerhalb der österreichischen Grenzen gehalten wurde. Richtiger aber hätte er „international“ genannt werden sollen, denn international war es gedacht, und international bewährte er sich auch. Nicht weniger als 12 Missionsgesellschaften waren dabei vertreten, darunter die Väter vom Hl. Geist durch P. Provinzial Acker, sowie die St. Benediktus Missionsgesellschaft mit dem Ihnen allen wohlbekannten P. Dominikus. Neun Bischöfe hatten zum Kongress ihre Vertreter gesandt. Mehrstündige wichtige Sektionsberatungen und drei glänzende Festversammlungen bildeten den Kongress. Bei der letzten Festversammlung war der grösste Saal Wiens, der Musikvereinssaal, bis auf den letzten Platz besetzt. Die Teilnahme von Seiten der Geistlichkeit, des Adels, der Bürger, die Begeisterung des Publikums über die Reden, verschaffte unserem Kongress einen ausgezeichneten Verlauf. Zugleich lieferte er den Beweis, dass auch Österreich zu den Staaten gehört, denen der liebe Gott sich bedient, um die Ausbreitung Seines Reiches im fernen Afrika zu fördern. Es zeigte sich auch, dass es dort nicht nur „Los von Rom-Schreier“ gibt, sondern auch Menschen, die für das katholische Missionswerk einstehen.

Doch nun zur Gegenwart und Zukunft. Nicht ohne Dank gegen Gott und gegen Gönner kann ich Ihnen, verehrte Anwesende, mitteilen, dass die St.-Petrus-Claver-Sodalität gerade in diesen Tagen an den verschiedensten Orten Konzertsaal, Bühne, Kanzel und Rednertribüne für ihre bedeutende Sache in Anspruch nehmen konnte. Morgen Abend um diese Zeit findet im südfranzösischen Nizza ein Vortrag über die Sodalität und ein Konzert zum Besten der afrikanischen Missionen statt. Und das Erstaunlichste dabei: Eine protestantische Sängerin ist die Initiantin dieser echt katholischen Versammlung. Wir begegneten uns zum ersten Mal bei einem Vortrag. Tags darauf besuchte mich die Dame im Hotel und wünschte als Förderin der Sodalität aufgenommen zu werden. Nachdem ich ihr die St.-Petrus-Claver-Medaille überreicht hatte und sie auf den vollkommenen Ablass hinwies, der mit der Aufnahme verbunden ist, folgte die Reaktion: „Ablass? Ich bin Protestantin, ein Hindernis?“ – „Gar nicht, wenn Sie Förderin sein wollen.“ Diese protestantische Förderin unserer Sodalität könnte so vielen katholischen Förderinnen Vorbild sein. Kaum nach Nizza zurückgekehrt, setzte sie sich mit einem eifrigen Abbé in Verbindung, um ihn für unsere Sodalität zu gewinnen. Dann ging sie zum Bischof von Nizza, damit er das Protektorat über ihr Konzert übernehme. Tausende französische „Echo“-Probenummern wanderten in diesen Tagen auf ihre Bitte nach Nizza. Mit der gleichen Menge von Missionsschriften, wie sie heute Abend hier zu sehen ist, wird morgen durch meine protestantische Förderin auch in Nizza referiert. So Gott will, werde ich selbst im Laufe des Monats Mai der Einladung dieser Dame folgen und die Früchte ihrer Tätigkeit vorort entgegennehmen. Zwei Tage später, am Tag von Maria Verkündigung, hält die Sodalität in Wien einen Vortrag-Abend. Auch dieser verspricht viel, denn als Redner wird der Provinzial der Trinitarier [2] auftreten. Dieser altehrwürdige Orden mit seiner malerischen Ordenstracht, gegründet zum Loskauf der Sklaven, wurde aus Frankreich vertrieben und siedelte sich im verflossenen Jahr in Wien an. Sein ganzes Streben geht dahin, sich dem frommen Wettstreit der Zivilisierung und Christianisierung Afrikas seitens der katholischen Missionare anzuschliessen. Am Ostermontag ist die St.-Petrus-Claver-Sodalität in Prag, der Hauptstadt Böhmens, tätig, um durch eine grosse Versammlung in böhmischer und deutscher Sprache die Slaven für die Missionen zu begeistern. Ein bekannter Benediktiner Redner aus Emaus und ein externes Mitglied unserer Sodalität, Prälat Dr. Fischer-Colbier aus Wien, werden das Wort ergreifen. Auch hier werden die Teilnehmenden durch Druckschriften, vor allem in böhmischer Sprache, für die afrikanische Mission animiert. Seit Juni 1900 erscheint ja unser böhmisches
„Echo aus Afrika“ schon in der fünften Ausgabe. Eine kroatische und eine slowenische Ausgabe sind in Vorbereitung. Ermutigt durch den ersten grossen Erfolg befasst sich die Sodalität in Zukunft auch mit verschiedenen Kongressprojekten. So planen wir im Herbst dieses Jahres einen italienischen Regional-Kongress, der die Teilnehmer aus dem Küstenland Istrien, Dalmatien und aus ganz Oberitalien vereinigen soll. Ort der Durchführung wird Triest sein, und mit dem Kongress soll ein grosser Bazar, eine Theater-Vorstellung, Paramentenausstellung u.ä. verbunden werden. Der nächste internationale Antisklaverei-Kongress ist in Luzern in zwei bis drei Jahren zu erwarten.

Verehrte Anwesende, gerne würde ich Ihre besondere Sympathie gewinnen für die Aufführung des Sklavendramas „Zaida, das Negermädchen“, im grossen Musikvereinssaal Wien während der Osterwoche. Geschrieben wurde das Drama bereits vor elf Jahren als Ergebnis der von Kardinal Charles Lavigerie geweckten Begeisterung für das Werk der Sklavenbefreiung. Nun soll diese Aufführung dazu dienen, das Elend der armen Sklaven und den Heldenmut der Missionare noch anschaulicher dem Publikum vor Augen zu führen, als Vortrage es vermögen. Wir haben nichts gespart, um den Erfolg dieser Vorstellungen zu sichern. Die besten schauspielerischen Kräfte wurden engagiert. Die Kaiserlichen Hoftheater liefern uns die Dekorationen und Kostüme, das bekannte „Orchester-Strauss“ besorgt die Musik. Gott segnet auch dieses Unternehmen sichtlich. Heute ist bereits der grosse Musikvereinssaal fast ausverkauft, sodass schon eine zweite Vorstellung bestimmt wurde. Auch diese hat schon viele belegte Sitze. So ist grosse Hoffnung, dass dieses Unternehmen nicht bloss der Sodalität Ehre, sondern auch den Missionen einen schönen Reingewinn einbringt. Zugleich wäre dies ein Triumph der Fürstlichen Bühne. Verehrte Hörer, auch aus diesem Grund sei dem Unternehmen Ihr Wohlwollen gewährt. Sollte jemand das Drama jetzt schon interessieren, so liegen Textbücher zu 1 Mark in unserer Kanzlei, Prinz Ludwigstrasse 2, auf. Noch ein Zukunftsplan: Gibt Gott Seinen Segen, so finden wir uns, liebe Anwesende, nächstes Jahr hier im grossen Kaminsaal zur Ausführung der „Zaida“ ein.

Noch ein Wort über den Fortschritt unserer Missionswerbung im lieben Bayern. Auch darüber ist Erfreuliches zu berichten. Hier in München selbst rührt und regt sich das Missionsinteresse besonders seit Anfang dieses Jahres gewaltig. Dank einiger Hochwürdiger Herren Präses der Arbeitervereine fasst das Missionsinteresse besonders in den Arbeiterkreisen immer festere Wurzeln. Kaum vergeht ein Sonntag ohne Missionsvorträge, die durch Priester oder eifrige Laien gehalten werden. Und in vielen Arbeiterfamilien Wiens haben schon unser „Echo aus Afrika“ und die „Kleine Afrika Bibliothek“ Eingang gefunden. Auch unser afrikanisches Museum in der Prinz Ludwig Strasse 2 wird von den einfachen Leuten wie Arbeitern, Lehrlingen, Näherinnen u.a. fleissig besucht. Es sind Gelegenheiten, die Menschen zur Opferbereitschaft zu ermuntern, was sich dann oft in eindrücklicher Weise bestätigt. Die Geschichte des Scherfleins der armen Witwe ( Mk 12, 41- 44) bleibt stets neu. Wie Sie durch die Einladungskarten bereits wissen, organisieren wir im Sodalitätslokal eine Ausstellung verbunden mit einer Lotterie. Wollen Sie Gewinne schenken oder Lose à 20 Pfennige kaufen, sind Sie dazu herzlich eingeladen.

Aber nicht nur in München, auch in der Umgebung von München eröffnet sich der Sodalität ein Tätigkeitsfeld. So fanden am St. Josefstag – dank dem leidenschaftlichen Eifer eines Laien, des Kaufmanns Herrn Seiz aus Pfaffenhofen – in diesem Städtchen zwei Missionsversammlungen statt, die eine für die Bauern, die andere für die Städter. Hochwürden Pater Amadus Acker hielt die Vorträge. Die Begeisterung war über Erwarten gross. Auch Protestanten befanden sich unter den Zuhörern. Einer von ihnen flüsterte meiner Begleiterin beim Ausgang zu: „Sagen Sie der Frau Gräfin, ich sei zwar Protestant, aber mir habe es so gut gefallen, dass ich ihr dies übergebe.“ Dabei liess er ein Geldstück in ihre Hand fallen. Weitere derartige Missionsvorträge folgen. So findet nächsten Sonntagnachmittag im St.Anna-Arbeiter- Verein im Gasthaus zum Klosterhof, Triftstrasse 4, ein Missionsvortrag statt. Am folgenden Tag, Fest Maria Verkündigung, halten wir Missionsversammlung in Markt Wolznach. So geht es weiter.

Sehr verehrte Gäste, zu welchem Zweck entrollte ich Ihnen diese Bilder aus Vergangenheit und Zukunft? Wohl deshalb, um Sie aufzufordern, mit mir dem Herrn zu danken, der die St.-Petrus-Claver-Sodalität führt wie das Schifflein Petri durch Sturm und Wogen. Die Wogen können ihm nichts anhaben, weil der Herr da ist und im richtigen Augenblick dem Sturm und Wellen Einhalt gebietet. Ich bitte Sie ferner, an dem Missionswerk, dem göttlichsten der göttlichen Werke, nach dem Grad Ihrer Kräfte und Ihrer Berufung mitzuarbeiten, d.h. an der Unterstützung der afrikanischen Missionen teilzunehmen durch die St.-Petrus-Claver-Sodalität, die die Missionare und Missionsschwestern ohne Unterschied der Nationalität unterstützt. Wirken wir, solange noch Zeit ist, gewinnen wir dem Heiland Seelen im fernen Afrika. Und sollte der Mut oder die Tatkraft sinken, dann rufen wir uns die Worte zu, welche der grosse Kardinal Charles Lavigerie seinen geistlichen Söhnen und Töchtern zurief: „Mes enfants, travaillons, travaillons! Nous aurons une éternité pour reposer ! Kinder, arbeiten wir, arbeiten wir! Uns bleibt eine Ewigkeit um auszuruhen!“ Und wollen Sie dies umsetzen ohne noch Abonnent unserer Missionszeitschriften noch Förderer der Sodalität zu sein, dann haben Sie heute Abend beim Ausgang die einzigartige Gelegenheit, spätestens aber Morgen früh, in unserer Sodalitäts-Kanzlei sich aufnehmen zu lassen. Ein Beispiel dazu gab Ihnen die protestantische Sängerin mit ihrem apostolischen Eifer. Sie empfangen ja noch dazu unendlich mehr als Sie durch Ihr kleines Almosen von 2 Mark für die Zwecke der Missionen geben. Sie schöpfen dafür aus dem geistlichen Schatz der Sodalität. Sie nehmen Anteil an den Arbeiten, Mühen und Opfern so vieler Missionare und Missionsschwestern, die in Afrika wirken. Für Sie, als deren Wohltäter, steigen aus allen Gebieten Afrikas Gebete der dankbaren neubekehrten Einheimischen zum Himmel.
 
Was solche Gebete vermögen, spiegelt sich in unserer St.-Petrus-Claver-Sodalität ab. Denn ihre einzigartige Entwicklung – begleitet vom auffallenden Segen seit ihrer Gründung vor sieben Jahren – wird offensichtlich getragen vom Gebet aus Afrika. So sorgt Europa für Afrika und Afrika für Europa.

Maria Theresia Ledόchowska



[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im September 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.

[2] Das Bistum Lugano wurde 1971 selbständig.

[3] Trinitarier (lat. Ordo Sanctissimae Trinitatis de redemptione captivorum), Orden der hl. Dreifaltigkeit von der Erlösung der Gefangenen, 1198 vom Hl. Johannes von Matha und Felix von Valois gegr. Nach der Augustinerregel. Hochverdient um Befreiung christl. Sklaven, Seelsorge, Heidenmission. weibl. Zweig, die Trinitarierinnen, gegr. 1236.