Festrede – St. Pölten

Festrede gehalten zur 200-jährigen Jubelfeier des Institutes Beate Mariae Virginae, der Englischen Fräulein in St. Pölten, am Sonntag,


den 27. Mai 1906, von M. Theresia Ledóchowska, General-Leiterin der St. Petrus-Claver-Sodalität für die afrikanischen Missionen [1]

Hochgeschätzte Festgäste!

Als vor etwa drei Monaten der ehrende Ruf der geschätzten Frau Obervorsteherin an mich ging, aus Rom über die Alpen zu kommen, um bei der Feier des 200-jährigen Jubiläums des Institutes B. M. Virginae in St. Pölten eine Festansprache zu halten, sagte ich sofort mit Freude und Dankbarkeit zu. Warum? Weil auch ich ein Institutsveteran bin. 32 Jahre sind verflossen, seit ich hier auf der Schulbank sass, und alles, was mit den lieben Englischen Fräulein zusammenhängt oder gar mit ihnen in Verbindung bringt, weckt schöne Jugenderinnerungen in meinem Herzen. Wie hätte ich nicht dem Ruf folgen sollen!

Und doch will ich gestehen, dass der Gedanke, die Festrede bei einem „Jubiläum“ zu halten, mich seltsam anmutete. Man feiert heute so viele Jubiläen! Früher hatte ich eine dunkle Abneigung gegen sie. Zudem fühle ich mich in der Lage eines Kindes, das zu sprechen beginnt und immer nur dasselbe Wort vorzutragen weiss. Nie habe ich öffentlich über ein anderes Thema als über die Afrika-Missionen, denen mein Leben gewidmet ist, gesprochen. Das kann eine schöne Festrede werden!

Doch verehrte Festgäste, als ich mich in unsere heutige Feier vertiefte, begeisterte ich mich alsbald zugunsten der Jubiläen. Nun kann und muss ich ausrufen: „Heiligen sollst du das 50. Jahr, denn es ist ein Jubeljahr!“

Solche Jahre zu feiern ist eine Pflicht der Dankbarkeit zunächst gegen Gott und gegen unsere Fürbitterin bei ihm, der Schutzpatronin dieses Hauses, der seligsten Jungfrau Maria. Aber auch gegen all diejenigen, die im Lauf der Zeit dieses Jubiläum ermöglichten. Schliesslich bin ich gewiss, dass dadurch eine Fülle von Gnaden uns selbst zufliesst.

Zum vierten Mal schon feiert das Institut der seligsten Jungfrau Maria, die Englischen Fräulein, dieses heilige Jahr. Mit dankbarem Herzen und wachsender Zahl beten die geschätzten Mitglieder dieses Institutes mit dem Priester in der Festmesse des Tages: „Wir danken Dir, Herr, unser Gott, himmlischer König, wir danken Dir.“ „Wir danken Dir“ wiederholen vor Gottes Thron die bereits in die triumphierende Kirche eingegangenen Mitglieder des Institutes B.M. Virginae, die mit ihren lebenden Mitschwestern geheimnisvoll verbunden sind.

200 Jahre – eine lange Zeitspanne! Halten wir an bei diesem Grenzpunkt und blicken wir zurück auf das Jahr der Gründung dieser geliebten Heimstätte, des Institutes in St. Pölten. Als endlich nach wiederholten Bitten Papst Clemens XI. die Regeln und Satzungen der Englischen Fräulein bestätigt hatte, war St. Pölten der erste Ort, an dem nach der Bestätigungsbulle ein Institut errichtet wurde mit dem Zweck, sich mit dem Unterricht der weiblichen Jugend zu widmen. Kaiser Joseph erlaubte die Gründung. „Am 23. Jänner haben wir unser geistliches Wohnhaus bezogen“, heisst es in der Chronik. Am 29. April 1715, neun Jahre später, liess Kaiserin Elisabeth den ersten Stein zur jetzigen Kirche legen, die dann im Jahr 1769 ihre heutige vergrösserte Gestalt erhielt. Damals wurden die Kuppeln durch den Maler Bartolomeo Altomonte mit schönen Fresken geschmückt und das liebliche Altarbild der seligsten Jungfrau Maria mit dem göttlichen Kind auf dem Arm aufgestellt. Zu diesem teuren Bild kann – in Erinnerung an die goldene Institutszeit – keine ehemalige Schülerin ohne bewegten Herzens aufblicken. Viel Freude, aber auch viel Leid ist im Laufe dieser 200 Jahre durch das Haus gezogen. Kaum zu zählen! Die zu diesem Anlass verfasste Festschrift gibt uns einen kurzen Einblick in die vielfältigen Prüfungen, von denen das St. Pöltner Haus nicht verschont blieb. Fragen wir diese geschätzten ehemaligen Oberstvorsteherinnen, deren Bildnisse den „Empfangssaal“ schmücken selbst, wie viele kummervolle Stunden im Jahr sie erlebten. Wirklich, die Englischen Fräulein und ein jedes ihrer Häuser müssen alle „in Tränen säen, um dann in Freuden zu ernten“. Oder kann es eine höhere Freude für die verehrten Stifterinnen dieser Institute und für deren heute hochgeachtete Obervorsteherin und ihre geistlichen Töchter geben, als das Bewusstsein, dass dieses Haus durch 200 Jahre eine Stätte apostolischer Tätigkeit für das Seelenheil der Mitmenschen war und noch immer ist? Kann es eine erhabenere Genugtuung geben als die Gewissheit, dass der Segen christlicher Erziehung von hier ausging, und zwar nicht nur an die Jugend der Stadt St. Pölten und Umgebung, vielmehr weit hinaus über die Länder der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie? Zähle all das Gute, das hier von den Englischen Fräulein in empfängliche Kinderherzen gesät und zum Gedeihen gebracht wurde. Wir brauchen keine Toten aus den Gräbern hervorzurufen, um dies zu bezeugen. Wir selbst als ehemalige Schülerinnen, die Frau Mutter zu diesem Ereignis liebevoll um sich geschart hat, stehen dafür. Die religiösen Prinzipien, die wir mit Gottes Gnade bewahrten, verdanken wir nebst unseren guten Eltern diesem Institut. Deshalb rufe ich Ihnen, meine lieben Fräulein, die Sie glücklich hier weilen, sowie allen, die in diesem Haus gelebt haben, zu:

Ans Institut, ans teure, schliess dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.

Bleiben Sie dem Institut auch später treu. Bleiben Sie ihren lieben Lehrerinnen gegenüber dankbar, da sich diese für Sie einsetzten, vor allem bleiben Sie der Patronin dieses Hauses, der Himmelsmutter Maria, treu! Alle, die die Wohltaten dieses Institutes erfahren haben, schulden Dank nicht nur Gott dem Herrn und der seligsten Jungfrau Maria. Auch jenen gebührt Dankbarkeit, die während der 200 Jahre mit Erfolg segensreich wirkten und jenen, die das Jubiläum veranlasst haben. Ich halte mich jetzt nicht auf bei den verehrten Oberinnen dieses Hauses von St. Pölten, die mutig das Steuer des Schiffleins im Sturm zu lenken wussten, noch bei den zahlreichen heiligmässigen Ordensfrauen, die durch 200 Jahre ihre Kräfte einsetzten, damit ihre Taten für den Himmel umso verdienstvoller sind und so im Himmelsbuch eingeschrieben seien. Ich denke nur an jene Frau Mutter, die mit sicherer Hand und demütigem Herzen die Revision der Konstitutionen zustande brachte und dem ganzen Institut, besonders diesem Haus frischen Wind gab. Über sie dichtete ich damals als Schülerin voll jugendlicher Begeisterung im Nachspiel meines Dramas „Die hl. Odilia“:

„Sie kam – mit ihr das Licht, ein neues Leben
Erfüllt den stillen Ort fortan, dem alten Rahmen
Entsprosst er neu, der herrlichste der Samen,
Und herrlich krönt der Herr der Mutter Streben.“

Ihnen allen hier sei ein warmer Dank gesagt. Der schönste Dank, den wir den Töchtern geben können, ist doch der Dank an ihre gemeinsame Mutter. Wer die Mutter ehrt, ehrt die Töchter. Wer ist sie, diese ausserordentliche Frau, deren geistliche Töchter jetzt vor uns stehen, und deren Gestalt ich vor uns gegenwärtig habe, um ihr an diesem Jubelfest den schuldigen Tribut zu zollen? Verehrte Festgäste, es ist jene, vor deren Bild ich als Kind so oft sinnend stand, mich fragend, wer denn diese eigenartige Frau im schwarzen Kleid und Schleier, mit den auf mich gerichteten Augen sei. Es geht um eine Engländerin, die Stifterin der Englischen Fräulein, Maria Ward, die „Donna Maria della Guardia“, wie sie sich selbst in Rom nannte. Sie kam übers Meer wie einst die heilige Ursula. Unklare Hinweise ihres Lebens genügten, bis ich anlässlich dieses Jubelfestes näher mit ihr bekannt wurde. In grossen Zügen skizziere ich ihre Geschichte:

In der Grafschaft York in England erblickt Maria Ward als die älteste Tochter frommer, adeliger Eltern am Muttergottesfest „Maria Vermählung“ im Jahr 1585 das Licht der Welt. Schon in der Wiege ist sie der allerseligsten Jungfrau geweiht. Wegen der Kirchenverfolgung bringt sie ihre Jugendjahre bei frommen Verwandten zu. Schon in ihrem 16. Lebensjahr spürt sie ein grosses Verlangen nach dem Klosterleben, aus dem sie mit 20 Jahren kein Hehl macht. Ausserordentlich und eigenartig sind die Wege, auf welchen Gott die zukünftige Ordensstifterin führt. Erst wird sie in Belgien in einem Kloster der Klarissinnen als Laienschwester aufgenommen. Dann gründet sie selbst ein Kloster der hl. Klara für ihre Heimat, in die sie zurückkehrt, um dort für das Heil der Mitmenschen zu arbeiten. Gott hat ihr zur Vollziehung seiner Absichten eine wunderbare Gnade gegeben, die nur wenigen verliehen ist: Eine bezaubernde Anziehungskraft auf die Herzen der Menschen. Schon mit 24 Jahren war sie von Freundinnen aus den angesehensten katholischen Familien umgeben. Mehrere von ihnen führte sie zu Gott und kehrte mit ihnen nach Belgien zurück, um dort im Jahr 1617 ein strenges klösterliches Leben zu beginnen. Diese junge Gemeinde bildete der Anfang des Institutes der „Englischen Fräulein“, wie man sie bald nannte und heute noch nennt. Nebst der Selbstheiligung wollten sie aus seelsorglicher Liebe zum Nächsten kleinen Mädchen Schule und Erziehung bieten.
 
Durch den grossen Glaubensabfall fehlte es immer mehr an häuslicher Erziehung. Es musste daher ein Mittel gesucht werden für eine entsprechende Mädchenerziehung. Die Vorsehung hat dazu Maria Ward auserwählt. Für jene Zeit ein unerhörtes Unterfangen. Es war Frauenklöstern mit strenger Klausur nicht gestattet, anders als durch Gebet und Aszese an dem Apostolat der Männer mitzuwirken. Eine energische Frau wie Maria Ward, die mit klösterlichen Eigenschaften in die Welt hinauszog, um sich der Jugend anzunehmen, war etwas Niedagewesenes! So gestaltete sich das ganze Leben Maria Wards zu einem ununterbrochenen Kampf gegen Hindernisse, die sich aus den damaligen Verhältnissen ergaben. Besonders eiferten gegen sie und ihr Werk die in ihrer Meinung geteilten Katholiken Englands. Man nannte Maria und ihre Gefährtinnen
u.a. schmählich apostolische „Amazonen, Wandernonnen“ und Ähnliches. Maria liess die Gegner reden. Sie wählte den richtigen Weg, indem sie sich erst schriftlich, dann mündlich um den Segen des Stellvertreters Christi bewarb. Auch ihr Weg nach Rom im Jahr 1621 war skandalös, weil eine Frau es wagte, nach Rom zu fahren, um dem Papst ihr Werk vorzustellen. Diese Reise war der Start zu jenen grossen Reisen, die so mühsam und gefährlich wurden, dass man Maria wirklich eine „heroische Reisende“ nennen könnte. Viermal war sie in Rom, dreimal in München, zweimal in Wien, einmal in Paris. Von Paris ging sie nach Lüttich, nach England, und schliesslich in die Ewigkeit! Und all dies in gefahrvoller Zeit, bei jedem Wetter, mit geschwächter Gesundheit, ja, in beinahe sterbendem Zustand! Wahrlich, allein das war ein Wunder!

Gregor XV. empfing Maria mit ungewöhnlichem Wohlwollen. Aber die eigentümliche Originalität ihres Werkes erregte Widerspruch und Aufsehen. Dennoch konnte Maria in Rom am Monte Esquillino, nahe der Basilika Santa Maria Maggiore, und später in Neapel und Perugia Häuser ihres Institutes eröffnen, wie sie es früher bereits in Köln und Trier getan hatte. Als aber Urban VIII. den päpstlichen Thron bestieg, erging der Befehl, die Schulen der Englischen Fräulein in Rom zu schliessen. Marias Werk war zerstört, sie aber voll Frieden. Da sie in Rom nicht wirksam sein konnte, zog sie nach München, nach Wien und Prag, wo sie Häuser gründete, dann wieder nach Rom und wieder nach München. Im Sommer des Jahres 1629 fiel der erste vernichtende Schlag gegen ihr Institut. Durch eine päpstliche Bulle wurde die Gesellschaft und die dazu gehörigen Schulen aufgehoben. Die Gegner hatten gesiegt. Im folgenden Winter wurde Maria sogar als Aufrührerin gegen die Kirche und Ketzerin im alten Klarissinnenkloster am Anger in München eingesperrt. „Leiden ohne gesündigt zu haben, ist kein Leiden“ meinte Maria dazu. Zwei Monate später wurde sie freigelassen. Maria, fast sterbenskrank, eilte nach Rom, um dem Papst in aller Demut die Sachlage und ihre Leiden darzulegen. Urban VIII. war voller Lobsprüche und sagte, das Ganze sei eine Prüfung gewesen, um die Geduld der Dienerin Gottes auf die Probe zu stellen. Er selbst verteidigte sie nun gegen die noch widerstrebenden Gegner. Er bewilligte ihr alles, das Institut kam wieder zur Geltung. Im folgenden Jahr trat Maria ihre letzte Reise nach England an. Ihr Ende nahte. Im einsamen Ort Yorkshire, von ihren treuesten Gefährtinnen umgeben, hauchte diese wunderbare Frau ihre Apostelseele aus. „Mit Lust und Liebe“, das waren ihre letzten Worte an ihre Gefährtinnen. So starb die, welche die Englischen Fräulein allezeit, wenn auch nicht als ihre anerkannte Stifterin, so doch als ihre „Mutter“ betrachteten und der sie nach Gott ihre erste Entstehung verdanken.

Was Maria in Tränen gesät, sollten die direkten Nachfolgerinnen ihrer Gefährtinnen in Freuden ernten. Ihr Institut war aufgehoben worden. 58 Jahre nach ihrem Tod aber wurde das Institut der Englischen Fräulein, dessen innersten Identität mit dem ersten aufgehobenen Institut selbst Rom nicht leugnet, von Papst Clemens XI. bestätigt. Der Papst hielt an der Klausurfreiheit und dem Amt einer Generaloberin, wofür Maria furchtlos gekämpft hatte, fest. „Lasciate governare le donne dalle donne“ sagte Clemens XI. bei der Bestätigung der neuen Satzungen. („Lasst die Frauen durch Frauen regiert werden.“) Das Weizenkorn musste in die Erde gesenkt werden und sterben, so erst wurde es zur reichlichen Frucht fähig. Maria hat gekämpft und sie hat gesiegt, und zwar allein durch ihre Treue zum Hl. Stuhl und durch ihre heroische Unterwerfung gegen dessen Bestimmungen.

„Der Gehorsame wird von Siegen reden.“ Unendlichen Dank schulden ihr ihre geistlichen Töchter und wir alle, die wir die Segnungen ihres Werkes erfahren haben. Den gleichen Dank gebührt ihr von jenen Instituten und frommen Gesellschaften, für die sie ebenfalls Vorkämpferin war. Wofür sie litt, stritt und starb, ohne den Erfolg zu sehen, wissen wir jetzt. Die Liebe zu den Seelen dürfen wir, Mitglieder religiöser Gemeinschaften, jetzt äussern in verschiedenen Werken des Apostolates und der Nächstenliebe. Noch mehr! Nicht nur in die zivilisierten Länder, sondern auch in die Heidenländer zieht heute die Ordensfrau aus. Priester und Missionare rufen bei ihrer apostolischen Arbeit nach der wertvollen Unterstützung von Frauen. Irre ich etwa, wenn ich Maria Ward als Bahnbrecherin für den edlen und erhabenen Beruf der Missionsschwestern deklariere? Wir finden Häuser des Institutes B.M. Virginae auch in Indien und sogar in Afrika, das am längsten heidnisch war.
 
Maria Ward! Gehe ich fehl, wenn ich dich rühme, da du auch Bahn gebrochen hast jenem kühnsten Kind unter den religiösen Instituten, nämlich der Sodalität des heiligen Petrus Claver, deren interne Mitglieder, die Sodalinnen, als Hilfsmissionarinnen an der Bekehrung Afrikas arbeiten? Wie du, so trat auch diese Sodalität mit einer neuen Idee in die Welt, zwar mehr neu in der Betätigung als neu in den Grundsätzen. Denn was wir anstreben, nämlich die Unterstützung der zeitlichen Bedürfnisse bei den apostolischen Arbeiten der afrikanischen Missionare ist genau das, was schon die frommen Frauen des Evangeliums für den Heiland und die Apostel getan haben. Neu waren nur die Mittel zur Erreichung dieses apostolischen Zweckes. Einzelne Frauen oder Gesellschaften, die sich mit der Krankenpflege, Kindererziehung, mit der Sorge um Greise und Unheilbare, ja selbst mit der eigentlichen Missionsarbeit in den Missionsländern abgeben, versteht man leicht. Eine rein weibliche Gemeinschaft aber, die aus Liebe zu den Missionen in ihren zivilisierten Ländern bleibt, um die Mühen des Redigierens und Administrierens von Missionszeitschriften (wie unseres „Echo aus Afrika“ und unserer „Kleinen Afrika- Bibliothek“) in den verschiedensten Sprachen als Berufung als Berufung auf sich nimmt, das war etwas Neues. Dazu kam das Verrechnen von Geldspenden, Korrespondieren mit zahlreichen Missionaren, das Aufrütteln und Beleben des Missionsinteressens und die damit verbundene Hilfeleistung für die afrikanischen Missionare. Das war, ähnlich wie bei Marias Gründung, etwas Ungewöhnliches. Zu allem  kam  die  spezifische  Organisation  unseres  religiösen  Institutes,  ohne Stundengebet und Ordenskleid, was Schwierigkeiten verursachte bis die Idee verstanden und publik wurde.
 
Du, Maria Ward, hast vorausgearbeitet. Der Hl. Stuhl hat die Sodalität des hl. Petrus Claver, die aussergewöhnlich erscheinende Organisation, wohlwollend aufgenommen und ihr nach kaum achtjähriger Tätigkeit im Jahr 1902 die erste Approbation gewährt. Du, Maria, als Protagonistin der aktiven Frauengemeinschaften mit Klausurfreiheit, hast an dem Zustandekommen dieses jungen Institutes grossen Anteil!

„Sitio!“ – „Mich dürstet!“ Das Wort, das im Seelendurst unser Herr am Kreuz sprach, ist in deinem Herzen nachgeklungen, es riss dich zur Tat in deinem Werk. Den Grund, den du gelegt, ist zum Bauplatz vieler apostolischer Aktivitäten geworden. Lass dieses Wort, dieser Durst nach Seelen weitergeben in den Schülerinnen des Institutes der seligsten Jungfrau. Wir feiern ja heute die Früchte des Seeleneifers seit 200 Jahren. Pflanze dieses Bestreben fort, nicht nur in den Herzen deiner geistlichen Töchter, sondern auch in den Seelen derjenigen, die Gott ihrer Obhut anvertraut hat.
 
Neue Gefahren, neue Waffen zu deren Bekämpfung! Heute ist es nicht die Häresie wie zur Zeit Maria Wards, vielmehr die Freimaurerei, die den Glauben zu unterminieren droht. Heute heisst es nicht mehr, wie damals ein Ordensmann über Maria und ihre Gefährtinnen sagte: „Alles in allem, sie sind doch nur Frauen.“ Auf verschiedenen Seiten will man heute die Frau zur Mitarbeit heranziehen. Es gibt Frauenbewegungen überall. Heute brauchte Maria nicht mehr wie damals zu klagen: „Wollte Gott, alle Männer verstünden diese Wahrheit, dass wir Grosses leisten könnten, wenn sie uns nicht glauben machten, wir könnten nichts und seien nur Frauen.“ Die Frau kann Grosses leisten. Sie darf sich aber nicht beeinflussen lassen, Rechte zu übernehmen, deren Pflichten sie überfordern. Sie suche ihre Grösse nicht darin, ihre Würde zu mindern, indem sie ihren vornehmen Stand als Frau oder Jungfrau durch Wort, Schrift oder Tat verleugne. Vielmehr suche sie nach dem Beispiel Maria Wards, die ihre Stiftung unter den mütterlichen Schutz der seligsten Jungfrau Maria stellte, in allem eine vollkommene Frau zu werden. Dazu muss die Gottesliebe, das Stehen zur wahren Weiblichkeit und die gläubige Gesinnung reifen. Glücklich jene, deren Berufsarbeit davon erfüllt ist, glücklich auch die Mauern, die seit 200 Jahren Zeugen davon sind.

Noch ein Drittes soll dieses Jubelfest bieten: Einen Gnadenstrom auf uns selbst, wenn wir es im richtigen Geist feiern. Kann ein Rückblick auf die Leiden und Freuden dieses gesegneten Hauses, ein Blick auf das bewegte Leben Maria Wards, die schweren Prüfungen, denen sie und ihr Werk ausgesetzt waren, uns nicht mit neuer Tatkraft erfüllen, mit einem Eifer, beseelt vom Vertrauen auf die göttliche Vorsehung? Unsere Zeiten sind ernst und trüb. Wohin man blickt ist der Glaube gefährdet. Maria Wards Zeiten waren noch trüber, und doch hat sie Mittel und Wege gefunden, Hunderte von Seelen für Gott zu gewinnen und den Grundstein zu einem Institut zu legen, das heute zu den schönsten Blüten der Kirche zählt. Wer Gutes anstrebt, muss auf Auseinandersetzungen gefasst sein; wer gar Ausserordentliches im Dienste Gottes unternimmt, der erntet Tadel oder kalte Zurückhaltung, und dies nicht nur von Ungläubigen und Glaubensschwachen, sondern auch von eifrigen Katholiken. Maria Ward traf eine ganze Kette von Widersprüchen aufs Schmerzlichste (Bestimmungen des Hl. Stuhles). Doch Gott hat es gefügt, dass ihr Gehorsam, wenn auch erst nach ihrem Tod, über diese Prüfung triumphierte. Unerschütterliches Vertrauen, ein Glauben, der Berge versetzen kann und ein zähes Festhalten an dem einmal erkannten Willen Gottes nach dem Beispiel Maria Wards sei für uns die Frucht dieser Festfeier! Dann werden keine Zeiten zu ernst und keine Widersprüche zu heftig sein, um nicht „mit Lust und Liebe“ wie Maria Ward zur Ehre Gottes und zum Heil des Nächsten zu wirken, jede in dem Stand, zu dem der Herr sie berufen hat. Dann wird dieses Fest, das uns heute vereint – wohl für die meisten das letzte – doch nur ein Glied sein in einer Kette von Feiern, die für jeden von uns mit dem Ertönen der Trompete endet und jedem nach seinen Werken vergolten wird.
 
O teure Schülerinnen, ehemalige und gegenwärtige, an Euch wende ich mich zum Schluss als Eure Mitschwester. Prägen wir uns doch zur Erinnerung an dieses eindrückliche Jubiläum den einen Satz unauslöschlich ins Gedächtnis: „Das Leben ist kurz – die Ewigkeit ist lang“. Lasst uns darum Gutes tun, solange wir unterwegs zur Ewigkeit sind. Fern sei uns, die kostbare Zeit, die uns eine glückliche Ewigkeit verschaffen kann, mit eitlem oder nutzlosem Tun zu verpassen. Lasst uns vielmehr Gottes Ehre vermehren und wirken zum Heil der Seelen, gedenkend der Worte des hl. Dionysius des Areopagiten, die so recht den Beruf der Englischen Fräulein und ähnlichen Gesellschaften mit apostolischen Zwecken skizziert:

„DAS GÖTTLICHSTE DES GÖTTLICHEN IST, MIT GOTT MITZUWIRKEN AN DEM HEILE DER UNSTERBLICHEN SEELEN.“

Maria Theresia Ledόchowska



[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Oktober 2008 ins heutige Deutsch überarbeitet.