Die Frau beim Missionswerk
Vortrag gehalten von Gräfin Maria Theresia Ledόchowska im Saal der „Union“ in Luzern
Wien 1907 [1]
Verehrte Freunde!
Bei Fragen, die heute die Gemüter bewegen, steht eindeutig die Frauenfrage im Vordergrund. Nicht ganz unberechtigt. Die Unterdrückung gewisser gottgegebener Rechte schreit früh oder spät nach Wiedergutmachung. Wir sehen das gleiche beim Arbeiter gegenüber dem Arbeitgeber, beim Proletarier gegenüber dem Kapitalisten. Diesen Prozess kann man weder leugnen noch aufhalten. Man muss mit ihm rechnen und ihn zu lösen suchen. Was die Frauenfrage betrifft, so löst sie auch der Forscher Möbius nicht, wenn er die herkömmliche Redensart vom „schwachen Geschlecht“ einfach vom Körperlichen auf das Geistige überträgt. Seine Beweisführungen, die Frau sei geistig und ebenso körperlich „schwächer“ als der Mann, ja, ihre geistige Gesamtanlage sei einfach „schwachsinnig“, hat den erbittersten Widerspruch bei Frauen und Freunden hervorgerufen. Diese Frage aber lösen auch jene nicht, die die Frau dem Mann völlig gleichstellen und somit die Zügel der Emanzipation gleichsam loslassen. Über die Rolle der Frau in der Welt, in der Familie, in der Öffentlichkeit, bei allen karitativen wie apostolischen Werken, finden wir eine Antwort in der heiligen Schrift, die wir von unsern Eltern her kennen.
Gott schuf zuerst den Mann. Weil Er fand, dass es dem Mann nicht gut sei allein zu sein, sondern er einer gewissen Ergänzung bedürfe, nahm Er eine seiner Rippen und schuf die Frau. Körperlich schwächer als der Mann, aber mit ebenso wertvollen Eigenschaften der Seele und des Gemütes, ja, weit intensiver ausgeprägt, ist die Frau, trotz mancher Unterordnung, dem Mann in anderer Hinsicht überlegen. Sie ergänzt und vervollständigt ihn gewissermassen durch ihre fürsorgliche Mitwirkung in seinen Unternehmen. Das ist nach der Lehre der Erschaffung des Menschen, wie die Genesis sie uns schildert, die Stellung der Frau, die Gott ihr von Anfang an zuwies.
Doch diese Regel bleibt nicht ohne Ausnahme. Es wird zu allen Zeiten Frauen geben, die diesen ordentlichen Rahmen sprengen, weil Gott sie zu Besonderem beruft. Ich erinnere bloss an Judith, die durch ihren Mut ihr Volk rettete, oder – ihr ähnlich – an Johanna von Arc, die die Kirche zur Ehre der Altäre erheben will. Im Evangelium wird diese frauliche Hilfeleistung anschaulich. Die Frauen wollen dem Herrn dienen. Der hl. Matthäus sagt von ihnen: „Es waren in einiger Entfernung viele Frauen, die Jesus aus Galiläa nachgefolgt waren, um ihm zu dienen“ (Mt. 27,55). Wir sehen, um den Herrn bildeten sich Männer, berufene Amtsträger, die auszogen, die Frohe Botschaft zu verkünden. Jetzt kommen auch die Frauen in Bewegung. Sie melden sich, denn sie wollen dem Heiland und seinen Jüngern in fürsorglicher Weise zu Hilfe kommen. Sie kümmern sich um seine und der Jünger materiellen Bedürfnisse. Sie sind glücklich, seine „Martha“ zu sein und hoffen wie sie, durch ihre Arbeit ihren Teil am Reich Gottes zu erhalten. Mehr noch: Die Frauen voll männlichem Mut stehen beim Herrn unter dem Kreuz. Sie richten sein Begräbnis und sind am Ostermorgen die Ersten am Grab, denen die Frohe Botschaft der Auferstehung verkündet wird. Einer Frau, Maria Magdalena, erscheint der Auferstandene als Erste und gibt ihr den Auftrag: „Gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: …“ (Joh. 20,17). Bis jetzt hat der Heiland nur die materielle Hilfeleistung der Frauen angenommen. Nun wendet er sich an Maria Magdalena, der einstigen Sünderin, um die Frohe Botschaft seiner Auferstehung den Männern, den Aposteln, zu verkünden. Dies zeigt, wie Frauen im Heilswerk Gottes mitwirken, allen voran Maria, die Königin der Apostel.
Auch unter den ersten Christen sehen wir Frauen, die treue Helferinnen der Apostel in der Ausbreitung des Reiches Christi waren. Wiederholt erwähnt sie der Völkerapostel Paulus voll Dankbarkeit und gleichsam als Ansporn zur Nachahmung für alle Zeiten. „Ich empfehle Euch Phöbe“, so finden wir im Brief an die Römer: „Unsere Schwester, die als Helferin in der Gemeinde in Känchrea steht…, denn auch sie hat sich vieler und auch meiner selbsttätig angenommen“ – „Grüsst Priska und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus …“ (Röm. 16, 1-3). Als dann männliche Ordensgemeinschaften zur Erziehung der Jugend entstanden, wollten auch hier die Frauen nicht zurückbleiben. Wir sehen sie im Mittelalter unter Führung einer Angela von Merici, einer Maria Ward, der verkannten Stifterin der Englischen Fräulein, die sich in diesem mühevollen Werk vereinten, das ihren Fähigkeiten so sehr entsprach.
Noch eine andere Mitwirkung sollte den Frauen im Spätmittelalter aufwarten. Als die Ketzerei um sich griff, als ein hl. Ignatius aufstand, um durch Gründung seines Ordens die Kirche zu verteidigen, als er seine Söhne hinausschickte in alle Weltteile, um den Boden der Kirche unter heidnischen Völkern zu festigen, da erwachte auch in sogenannten „schwachen“ Frauenherzen das Verlangen, bei der Verteidigung und Eroberung mitzuwirken. Die hl. Theresia von Avila fand in ihrem Seeleneifer Mittel, sich an der Ausbreitung der Kirche und an der Bewältigung der Häresie auf ihre Art zu beteiligen. Sie sagt: „Da wir unserem König, der so sehr verfolgt wird, keinen besseren Dienst leisten können, wollen wir unablässig dem Gebet obliegen für die Verteidiger der Kirche, die Prediger und Gelehrten.“ Viele katholische Frauen unserer Zeit sind ihren Fusstapfen gefolgt. Lehrorden, Pflegeorden und beschauliche Orden wetteifern in ihren opfervollen Berufen um das eine Ziel: Die Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten. Nebst gottgeweihten Frauen in Klöstern sind es Frauen in der Welt, die nach dem Beispiel einer hl. Klotilde, einer hl. Hedwig, einer hl. Elisabeth und vielen anderen frommen Müttern mehr denn je sich an geistlichen und karitativen Werken beteiligen.
Nun zum eigentlichen Gegenstand meines Vortrags: die Beteiligung der Frauen beim Missionswerk. Auch hier will die Frau nicht müssige Zuschauerin sein. Sie ist bereit, auf ein gediegenes Familienleben zu verzichten zugunsten des Apostolates als Missionsschwester, ein bisher unbekanntes Gebiet. „Was ein Bedürfnis der Zeit ist, das ist Gottes Wille“, so Pater Theodosius Florentini, Stifter der Gemeinschaft der Kreuzschwestern [2]. Die Missionare erkannten schnell, dass die Mitwirkung der Frau bei der Bekehrung der Heiden, besonders in der Erziehung der weiblichen Jugend, unerlässlich ist. Die Kirche erfreut sich heute Hunderter von Missionsschwestern in aller Welt; ein Zeichen dafür, dass dieser selbstlose Auftrag dem Willen Gottes entspricht. Was aber geschieht mit jungen Frauen, die Neigung bekunden, sich gänzlich dem Missionsdienst zu weihen, denen es aber an beruflichen, physischen oder geistigen Eigenschaften fehlt, um hinauszuziehen? Zum Beispiel, wenn ein weiser Vater oder eine kluge Mutter von der Berufung einer Missionsschwester abrät? Und dies nicht etwa, um das Kind vom Dienst Gottes fernzuhalten, sondern allein deshalb, weil sie – im Wissen um dessen Anlagen – es für diese anspruchsvolle Aufgabe überfordert sähen.
Verehrte Gäste, auch in dieser Situation hat die Vorsehung gesorgt: 1894 entstand das Werk „St.-Petrus-Claver-Sodalität“. Sein eigentliches Ziel ist die Unterstützung der afrikanischen Missionen mittels Werbung. Der Gründungsgedanke war, die Katholiken für Missionsunterstützung zu animieren, angesichts der Tatsache, dass Protestanten enorme Summen für Missionszwecke aufbringen. Es musste etwas geschehen, wofür sich die Ausgabe lohnt, solange Unsummen für Vergnügen verschwendet werden. So werden zum Beispiel in Österreich jährlich 4’000 Millionen für Alkohol konsumiert. Es fehlt – wie in anderen zivilisierten Ländern – an einer wirksamen Missionsanimation. Mit dem Verständnis der Katholiken in der Heimat für das Missionswesen könnten Impulse geweckt werden für die Anteilnahme an der Verwirklichung des Reiches Gottes. Doch zur Leitung einer gut organisierten Missionspropaganda braucht es eine religiöse Kongregation. Dazu sind die Frauen die besten Protagonisten, weil sie auf diesem Gebiet besonders geschickt und erfinderisch sind. So entstand die weibliche religiöse Gemeinschaft der St.-Petrus- Claver-Sodalität. Dieses Institut steht unter der Leitung der Propaganda Fide in Rom und wurde im Jahr 1902 von ihr approbiert. Die Mitglieder des Institutes, „Sodalinnen des hl. Petrus Claver“ genannt, verdienen auch den Namen „Hilfsmissionarinnen“. Ihre Arbeit ist eine vielfach intellektuelle und besteht hauptsächlich in der Redaktion der Missionszeitschriften in verschiedenen Sprachen, in einer umfassenden Korrespondenz, im Verrechnen, Bestätigen und Weiterleiten der Spenden usw. Von diesen Sodalinnen, denen solch anspruchsvolle Arbeiten obliegen, werden auch insbesondere Sprachkenntnisse verlangt. Doch auch für mehr handwerklich begabte Mädchen wartet Arbeit: im Haus, in der Spedition zur Abfertigung von Sendungen nach Afrika, oder in der Setzerei. Die St.-Petrus-Claver-Sodalität besitzt ja eine eigene Druckerei zur Herstellung von Büchern in afrikanischen Sprachen, die den Missionaren kostenlos zur Verfügung geliefert werden; eine unauffällige Hintergrundarbeit, aber nicht weniger wichtig als der Einsatz der Missionsschwester.
Was also, wenn ein Missionar nicht einmal für seinen wenn auch noch so dürftigen Lebensunterhalt über das nötige Geld verfügt? Geldmittel sind nun einmal Voraussetzung zur Bewältigung der Missionsarbeit. Missionare sind gezwungen, ganze Missionsposten aufzugeben, wenn ihnen die Unterstützung fehlt. Oft sterben Missionare, weil ihnen die materiellen Mittel allein für Wohnung und Nahrung fehlen. Hier springt die St.-Petrus-Claver-Sodalität ein durch ihre Hilfsmissionarinnen mit ihren segensreichen vielfältigen Aufgaben. So arbeitet die Sodalität direkt mit an der Existenz der Afrika-Missionare und dessen Nachschub. Jüngst sandte mir der Bischof der Goldküste, Msgr. Hummel, einen eindringlichen Notschrei: „Frau Gräfin, geben Sie uns Priester!“
Liebe Freunde, genau in diesen wenigen Worten ist die gesamte segensreiche Arbeit der Hilfsmissionarin enthalten. Sie soll für Priester und Glaubensboten im ganzen Kontinent sorgen. In dieser Berufung wird sie in besonderer Weise auf Maria als ihre Führerin blicken. Sie gab der Welt den Hohenpriester, den Heiland, sorgte für ihn und stand auch den Aposteln mütterlich bei. Somit war sie die eigentliche zentrale Gestalt für das Heil der Welt, mehr noch als die ausgesandten Apostel.
Verehrte Gäste, unser Hl. Vater Pius X. hat in einem bewunderungswerten Erlass unsere Sodalität unter den besonderen Schutz der Mutter vom Guten Rat gestellt. Die Gabe des Rates ist für die Sodalinnen des hl. Petrus Claver besonders nötig im Hinblick ihres Handelns zugunsten Afrikas. Eine Gabe, die auch für jene jungen Frauen hilfreich wäre, die die Sodalität noch nicht kennen, aber bereit sind zu fragen
„Herr, was willst Du, dass ich tue?“ Jene also, die noch nicht wissen, wohin die Stimme des Rufenden sie ruft.
O Maria, Mutter vom Guten Rat! Rate Du ihnen! Sage ihnen, dass es im kleinen Weinberg der St.-Petrus-Claver-Sodalität, in deren Ordenshäusern in Rom und Salzburg, genügend Möglichkeiten gibt für viele Arbeiterinnen. Leg’ ihnen die Dringlichkeit der Arbeitskräfte im Weinberg Afrikas nahe.
Sie, liebe Freunde, bitte ich, dass auch Sie dem Werk der St.-Petrus-Claver-Sodalität näher kommen. Ihre Mitwirkung kann durch Verbreitung der Schriften über die Sodalität geschehen. Dadurch werden weitere Kreise motiviert, um Hilfskräfte zu gewinnen. Es steht Ihnen ferner ein Abonnement auf unser „Echo aus Afrika“, oder wenn Sie Kinder haben, auf die „Kleine Afrika-Bibliothek“ zur Verfügung. Im Weiteren können Sie mit einem Jahresbeitrag von 2 Kronen als Mitglied der Sodalität beitreten. Der Bestellschein zum Handeln liegt schon in Ihrer Hand. Priester und Laien, Männer und Frauen, Junge und Alte, selbst Kinder können mithelfen, das Licht des Glaubens nach Afrika zu bringen.
Eben ist der Missionsbischof Augouard aus dem französischen Kongo nach Europa zurückgekehrt. Dieser eifrige Glaubensbote möge Ihnen Vorbild sein. Die Eingeborenen haben ihm wegen seines heiligen Ungestüms den Beinamen „Djeta, Djeta“ – Schnell, Schnell – gegeben. Das gilt auch uns: Schnell, Schnell! Missionsunterstützung aus Europa gestattet keinen Aufschub. Brennende Fragen, dringende Bedürfnisse bei uns, ja, aber in Afrika brennt es nicht weniger. Jährlich fallen dort Hunderttausende dem Islam und Protestantismus in die Arme gemäss dem Leitwort „Afrika den Afrikanern oder Afrika den Mohammedanern“. Aber es lässt uns unberührt. Auch aus Afrika kann Unheil über Europa kommen wie einst vom Osten her mit dem Halbmond. Wasser- und Eisenbahnlinien rücken uns diesen Kontinent näher. Sorgen wir für eine angenehme Nachbarschaft durch Vermittlung der Zivilisation und des wahren Glaubens. Afrika wird entweder mohammedanisch oder christlich. Wer soll bei diesem Wettstreit an der Spitze stehen?
Meine verehrten Damen, jetzt wende ich mich an Sie. Über die Frauen fing ich an, über die Frauen höre ich auf. Sie haben das Wort Organisation auf Ihr Banner geschrieben. In Erkenntnis des Unheils, das Ihnen von Seiten der Sozialdemokratie droht, kämpfen Sie für die höchsten Güter: für die christliche Familie und für die christliche Schule. Sie tun recht daran. Gerade weil Sie sich für christliche Werte einsetzen und dank dieser Werte die Frauen selbst frei wurden, können Sie nicht untätig bleiben angesichts der afrikanischen Frau, die noch heute im Jahrhundert der Freiheit und Zivilisation, als geringwertig gilt. Sie wird wie ein Tier behandelt und verkauft, nichts wissend von ihren Rechten. Lassen Sie auch Ihre schwarzen Schwestern Ihre Grossmütigkeit erfahren. Der Herr hat den Seinen versprochen, jeden Trunk Wasser zu belohnen, den man in Seinem Namen den Armen gibt. Er wird es Ihnen lohnen!
Maria Theresia Ledόchowska
[1] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im Januar 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.
[2] Menzinger- und Ingenbohler-Schwestern.

