Anteil der Frauen bei der Ausbreitung des Glaubens Vorgelesen
in der Gemeinde von „Maria Rat“ [1] am 15. Mai 1922 [2]
„Die Jungfrau Maria hat der Welt das Heil gebracht und dadurch ist ihr Geschlecht von Gott selbst in den Dienst der Welterlösung gestellt worden“, so schreibt P. Freytag [3] in seinem schönen Buch „Jesu letzter Wille“. Das „Fiat“ der Gottesmutter, mit dem sie sich zur Mitwirkung am Erlösungswerk bereit erklärte, hat durch alle Jahrhunderte Nachahmung gefunden. Seit den ersten christlichen Zeiten gab es Jungfrauen und Frauen, die ihre Tätigkeit und ihr Leben in der Nachfolge Jesu der Ausbreitung des Glaubens widmeten. Schon das Evangelium berichtet von frommen Frauen, die dem Herrn aus Galiläa gefolgt waren, „um ihm zu dienen“ (vgl. Mt 27, 55- 56). In den Zeiten der Apostel bewähren sich die Frauen als deren getreue Gehilfinnen. Der hl. Paulus erwähnt ihre Hingabe in Dankbarkeit: „Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe; sie ist Gemeindehelferin von Kenchreä … Grüsset Priska und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus…“ (Röm 16, 1 und 3). Eine führende Rolle sollten die Frauen bei der Ausbreitung des Evangeliums nicht einnehmen. Von Gott als Ergänzung des Mannes geschaffen, wird das Ergänzende, Mitwirkende, Mithelfende auch ihre charakteristische Eigenschaft bleiben. Fraulicher apostolischer Eifer und besonders das Gebet begleitete allezeit das Wirken der Glaubensboten. Grosses leistete in dieser Hinsicht die hl. Theresia von Avila mit ihrem unstillbaren Verlangen nach Rettung der Seelen. Sie ermunterte ihre Schwestern: „Da wir unserem König keinen anderen Nutzen schaffen können, so wollen wir unablässig dem Gebet obliegen.“
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Später beteiligten sich die Frauen auch vereinzelt an der eigentlichen Missionstätigkeit. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts begaben sich Ursulinerinnen nach Kanada. Ihre Tätigkeit beschränkte sich fast nur auf die Küstengebiete. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wagten sich dann einige Ordensschwestern in die indischen Kolonien, aber bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschten in den meisten Missionsländern zu ungesicherte Verhältnisse. Im Jahr 1840 begaben sich Schwestern nach Australien, 1844 nach China, wo zehn von ihnen ihr Missionsleben mit dem Märtyrertod beendeten. In den letzten 50 Jahren verbreiteten sich die Schwesternkongregationen immer mehr. Heute sind viele tausend Schwestern auf dem Missionsfeld tätig. Über die Bedeutung der Frauenmithilfe beim Missionswerk äussert sich in unvergleichlicher Weise ein Kirchenfürst aus eigener Erfahrung. Kardinal Charles Lavigerie [4], Erzbischof von Algier, schreibt in einem Brief vom Jahr 1886 u.a.: „Trotz allen Eifers der Missionare werden ihre grossen Bemühungen niemals erhebliche Resultate erzielen, wenn sie nicht durch das Apostolat von Frauen unterstützt werden. Nur Frauen können sich ungehindert den heidnischen Frauen nähern, freundschaftliche Beziehungen anknüpfen und unterhalten und sie in ihren Krankheiten pflegen, um auf diese Weise ihre Herzen zu gewinnen. Nur Frauen können ihnen durch die Mitteilung sittlicher Werte – auf die die christliche Frau Anspruch hat – ihre eigene tiefe Erniedrigung mitfühlend aufzeigen. Die Kranken erhoffen von ihnen Genesung, denn sie sehen sie als Ärztinnen, die über mehr als elementare Kräfte verfügen. Sie haben Vertrauen zu ihren Hilfsmitteln, aber noch mehr zu ihrem Einfluss bei Gott. Stellen wir uns solche gottgeweihten Frauen vor, wie sie sich mit der unglücklichen Frau, der von Peitschenhieben zerschlagenen Sklavin, solidarisieren. Indem sie ihren Blick auf Gott hinwenden, beleben sie nach und nach ihre Hoffnung. Sie zeigen, wie die Menschheit aus der Hand eines gütigen Schöpfers hervorging, wie die Menschen diesen gütigen Gott verlassen haben und dadurch der Fluch in die Welt kam. Wie der Erlöser Jesus Christus erschienen ist, um die Menschen von ihrer Sünde wieder zu befreien, und um den Kleinen und Schwachen beizustehen. Wie Maria, auserwählt von allen Frauen, durch ihr Ja auch ihrem Geschlecht zur Befreiung vom Bösen mitgeholfen hat und so mit Christus in seiner Erlösungstat verbunden ist. Die Missionarinnen belehren sie, wie im Christentum die Frauen nicht vom Elend bedrückt bleiben, und schliesslich wie diese gequälte afrikanische Frau – sofern sie will – an den christlichen Werten und Wohltaten teilnehmen kann. Sollte sie aber in diesem Leben weiter leiden, wird es ihr im ewigen Leben zum verdienten Lohn. Glauben Sie nicht, dass diese geprüfte Frau bei solcher Kunde wie aus einem dunklen Traum erwacht und im innersten Herzen gerührt wird? Mit Mariens Hilfe werden dieser Frau und dem ganzen Volk reichliche Früchte des Lichtes und des Heiles zuteil. Vor unserem geistigen Auge öffnen sich dabei neue Weiten, die unser Herz höher schlagen lassen. Wenn auch wir zu einer solch freudenspendenden Mission unter diesen Frauen berufen wären!
Doch der Missionsberuf, der aus der Ferne so ideal und begeisternd aussieht, birgt in Wirklichkeit eine Unsumme grosser und kleiner Opfer, Widerwärtigkeiten und Mühsale, die eine schwache Seele zermürben könnte, schreibt Dr. Louis in seinem Buch „Der Beruf zur Mission“. [5] Ein ehemaliger afrikanischer Missionar weist in einer Broschüre daraufhin, dass die Mühsal eigentlich erst am Bestimmungsort empfunden werde, wenn der Reiz der Neuheit vorbei ist. Schon die Entbehrung fast aller Annehmlichkeiten Europas lege grosse Opfer auf, und der Aufenthalt unter den Afrikanern, deren Sprache dem Europäer bedeutende Schwierigkeiten mache, sei keineswegs angenehm. Die Hitze sei, besonders um die Mittagszeit im Freien, fast unerträglich, öftere Fieberanfälle verursachten Schwäche, gedrückte Stimmung usw. Allerdings gebe Gott jeden, der da sei, wo er ihn haben wolle, seine Gnade, so dass alle die Mühsale viel leichter getragen würden, als man sich das in der Ferne vorstelle. Aber ob diese reichliche Hilfe auch jenen zuteil würde, die sich eigenwillig eingedrängt hätten, müsse sehr bezweifelt werden. Es fehle auch da nicht an betrübenden Erfahrungen. Eine ernste Prüfung des Missionsberufes sei daher notwendig. Es ist nicht meine Aufgabe, hier Winke zu einer guten Berufswahl und Prüfung zu geben. Ich will lediglich denen, die der Herr in besonderer Weise ruft, die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen, um sich dem Heil der Selen zu widmen. Durch die Gründung zahlreicher Missionsschwestern-Kongregationen ist es möglich, dass die Einzelne bei der Entscheidung auf ihre besondere Begabung Rücksicht nehmen kann. Als Tätigkeit kommen in Betracht: Erziehung und Unterricht der weiblichen Jugend in Waisenhäusern und Schulen, Pflege der Alten und Kranken in entsprechenden Heimen oder in den Hütten, Ausbildung von weiblichen Missionshelferinnen, Lehrerinnen und Katechistinnen, die dann ihrerseits wieder dem Missionar den Weg bahnen. Kurz alle Werke der Caritas, wie sie auch in allen christlichen Ländern geübt werden. Mutigen, opferfreudigen jungen Frauen eröffnet sich da ein weites Feld. Anforderungen, die auch alle Missionsgemeinschaften ziemlich einheitlich an die Eintretenden stellen, sind: ein bestimmtes Mass von Geistesgaben wie Tugend und Selbstbeherrschung, regsamer Geist und Leichtigkeit beim Erlernen der Sprachen. Praktischer Sinn und körperliche Geschicklichkeit, sich durch die kleinen und grossen Hindernisse des gewöhnlichen Lebens durchzukämpfen, sind sehr wichtig. Unbedingt erforderlich ist kernige Gesundheit und Freisein von organischen Fehlern, ein demütiger und freundlicher Charakter, der sich für das gemeinschaftliche Leben eignet. Kandidatinnen mit Lehrberuf sind in allen Kongregationen sehr willkommen. Die Altersgrenze ist meist 26, 28, bei einigen 30 Jahre, bei den Weissen Schwestern sogar 35. Das Noviziat dauert durchschnittlich 1 bis 2 Jahre und das ihm vorangehende Postulat ein halbes bis zu einem Jahr. Überall wird ein verschlossenes Sittenzeugnis, sowie Tauf- und Firmbescheinigung verlangt. Beim Missionsberuf ist mehr als eine gute Absicht erforderlich. Nicht Abenteuerlust, nicht Weltstreben darf ins Missionshaus führen, sondern allein der Wille Gottes und das Verlangen, Seelen zu retten, ohne Rücksicht auf die eigene Person. Nur so bleiben Enttäuschungen erspart, wenn man von den Obern im Interesse des grossen Heilswerkes in ein Missionshaus gesandt wird.
Nun gibt es gewiss auch viele missionsfreudige Seelen, die nicht in die Heidenländer berufen sind, aber die der Herr doch zur engeren Nachfolge einlädt. Ihnen eröffnet sich in der St.-Petrus-Claver-Sodalität für die afrikanischen Missionen eine Betätigungsmöglichkeit von beglückender Schönheit. Dort können „Hilfsmissionarinnen“ ihr Leben ganz für Gott und die Seelen einsetzen. Während der Beruf einer Missionsschwester seit 50 Jahren vielen jungen Frauen offen steht, kennt man Hilfsmissionarinnen erst seit etwa 25 Jahren. Gleich der Missionsschwester sucht die Hilfsmissionarin ihre persönliche Heiligung im Ordensstand und weiht sich dem Herrn durch die Gelübde. Im Gegensatz zu ihr will sie für die Ausbreitung des Glaubens unter den Heiden nicht in den Missionsländern selbst tätig sein, sondern in den christlichen Ländern, zum Beispiel in ihrer eigenen Heimat. Durch die Missionsanimation in Wort und Schrift will sie die Gläubigen mit der Situation und der Not der Missionen vertraut machen; Gebete und Spenden fliessen dann von selbst. Während die Missionsschwester sich den Frauen in den Missionsländern zuwendet und ihnen den christlichen Glauben nahe legt, sucht die Hilfsmissionarin in den Gläubigen ihrer Heimat durch Sensibilisierung den Glauben und das soziale Empfinden zu stärken, damit sie fähig werden, das Schicksal der Afrikanerinnen zu verstehen und zu erleichtern. Die Hilfsmissionarin wird den Blick der Gläubigen auf Kalvarias Höhen richten, wo der Herr dürstend nach Seelen verlangte. Oder sie wird die Leser durch die Schriften ins Weihnachtsgeschehen führen, wo ein ebenso armes Kind auch den Heidenvölkern in Afrika sein Händchen reicht. Wächst dann in den Gläubigen das Verlangen, durch Gebet und materielle Hilfe die Heiden zu unterstützen, ist die primäre Aufgabe der Hilfsmissionarin erfüllt.
Eine zweite Aufgabe der Hilfsmissionarin liegt darin, Vorträge zu halten und in gelegentlichen Führungen durch Museen der St.-Petrus-Claver-Sodalität. Sie sorgt sich für Veranstaltungen von Missionsabenden und für Aufführungen von Missionsdramen. All das, um neue Freunde und zugleich neue Hilfe für das Missionswerk zu gewinnen. Denn was nützt es, wenn draussen in den afrikanischen Ländern Tausende von Missionaren und Schwestern arbeiten, denen aber die Hände gebunden sind, weil ihnen die Mittel zum Bau von Waisenhäusern, Schulen usw. fehlen, da sie für die materiellen Probleme sorgen müssen, statt ihre eigentlichen Aufgaben erfüllen zu können. Die Hilfsmissionarin will diese Sorgen der Missionare dämpfen und möglichst alle ihre Wünsche und Bitten erfüllen. Durch ihre unscheinbare Arbeit wird sie zum „Baustein“ Hunderter von Kirchlein, für den Loskauf Tausender von Sklaven und für die Taufe von Hunderttausenden von Kindern beitragen. In den Häusern der Sodalität pflegt sie brieflichen Kontakt mit Wohltätern, verfasst Artikel für die sodalitätseigenen Zeitschriften oder übersetzt Missionsbriefe und Berichte für die in zehn Sprachen erscheinende Zeitschrift. Ferner arbeitet die Hilfsmissionarin in Druckerei und Spedition dieser zahlreichen Schriften. Sie verrechnet die für die Mission eingehenden Gelder, eine enorme Arbeit bei der Vielgestaltigkeit der Verfügungen, die manche Wohltäter an ihre Spende knüpfen. Wird die Verwendung des Geldes nicht eigens bestimmt, so wird es dahin gesandt, wo gerade die grösste Not, die meiste Aussicht auf Erfolg der Missionsarbeit besteht. Der Propaganda Fide wird jährlich Rechenschaft darüber abgelegt. Begleitschreiben zu den gesandten Spenden an die Missionare, Dankbriefe an die Spender, Nachrichtenvermittlung über studierende Priester und Katechisten an deren Wohltäter, Auskunftserteilung in den verschiedenen Missionsangelegenheiten fallen auch unter die Verwaltungsarbeiten der Hilfsmissionarinnen.
Ihre weitere Aufgabe ist es, für die Missionen gespendeten Gegenstände wie Paramente, Kleidungsstücke, Kirchenwäsche und dergleichen herzurichten, auszubessern und zu versenden. Wie Sie sehen, fehlt es auch der Hilfsmissionarin nicht an abwechslungsreicher Tätigkeit. Sie kann dabei alle Talente und Fähigkeiten, die der liebe Gott ihr gegeben hat, zu Seiner Ehre gebrauchen. Es sind höhere Schulbildung, Sprachkenntnisse oder müheloses Erlernen erwünscht. Bei einfacher Schulbildung ist Geschicklichkeit für Haus- und Handarbeit gefragt. Hauptsache aber ist Bereitwilligkeit gegenüber den Oberinnen. Willkommen ist ein heiterer, offener Charakter und Opfergeist, verbunden mit Liebe zur Arbeit und zu einem geregelten Leben. In dieser Haltung mag das junge Herz getrost bei der Sodalität anklopfen. Es wird einem tiefen Glück entgegengehen und nicht nur die eigene Seele heiligen. Die Aufnahme erfolgt unter ähnlichen Bedingungen wie bei der Missionsschwester.
Die Bedeutung einer Hilfsmissionarin illustriert die Broschüre „Die Aufgabe der katholischen Frauen im Missionswerk“, in der ein afrikanischer Missionar seine Gedanken darüber niederlegt. Ausgehend von der Notwendigkeit der materiellen Mittel für die gedeihliche Entwicklung der Mission, den Bau und Unterhalt von Schulen, Kirchen, Waisenhäusern, weist er darauf hin, wie sehr der Missionar gesicherter und geregelter Hilfe bedarf, um sich mit ganzer Kraft, befreit von zeitlichen Sorgen, den erhabenen Berufsaufgaben widmen zu können. Da die Hilfsmissionärinnen nun gerade durch Herbeischaffung der notwendigen Mittel den Missionaren eine erspriessliche Tätigkeit ermöglichen, vergleicht er diese mit dem Öl, auf das die Flamme angewiesen ist, um brennen zu können. Je mehr Hilfsmissionarinnen in der Heimat die Mittel aufbringen, umso mehr Missionare können vor Ort unermüdlich am Heil der Seelen wirken.
Mit der Frage „Wer nützt dem afrikanischen Missionar mehr, die Missionsschwester oder die Hilfsmissionarin?“ gelangt er zu einer für die Missionshelferin positiven Antwort. Als Mitglied der St.-Petrus-Claver-Sodalität würde mir selbst diese ehrende Beurteilung nicht gut zukommen. Ich will mich daher jeglichen Vergleiches der beiden Berufe enthalten. So schliesse ich mit dem Wort des Völkerapostels Paulus aus dem ersten Korintherbrief: „Wie Gott einen jeden berufen hat, so wandle er.“ (1 Kor 7,17)
Maria Theresia Ledόchowska
[1] „Maria Rat“ – Generalat der St.-Petrus-Claver-Sodalität in Rom
[2] Der Text wurde von der Redaktion in Zug im September 2009 ins heutige Deutsch überarbeitet.
[3] Freytag Walter, geb. 1899 in Neudietendorf bei Erfurt, gest. 1959 in Heidelberg. Bedeutender Vertreter der deutschen evangelischen Missionsarbeit. Einer der wichtigsten leitenden Persönlichkeit in dem schwierigen Werk der Vereinigung von Internationalem Missionsrat und Ökumenischem Rat der Kirchen.
[4] Charles Martial Allemand Lavigerie, geb. 1825 in Frankreich, gest. 1892 in Algerien, französischer Kardinal.1868 gründete er die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern als Missionsgesellschaften für Afrika. Er setzte sich für die Aufhebung der Sklaverei in Afrika ein.
[5] Dr. P. Josef Louis „Der Beruf zur Mission“, ein Ratgeber für Missionsfreunde. Aachen 1918, Verlag Xaverius. 2. Ausgabe 1921 ( zu finden in www.ZVAB.com).

